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Salzwasser-Taufe 1

 

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Endlich ist es soweit: ich kann die Salzwasser-Taufe von Rüm Hart vermelden! Mit ein bisschen praktischer Erfahrung aus vergangenen Jahren, wiedererweckten Theoriekenntnissen aus noch grauerer Vorzeit, ermutigt durch das Flottilien-Plattbodenerlebnis von Ende April und navigationstechnisch aufgerüstet mit iPad und Navi-App fühlte ich mich den besonderen Herausforderungen der niederländischen Waddenzee mannhaft gewachsen. Das fantastische Pfingstwochenende schien mir – solcherart mental auf Helden-Modus eingestellt – ideal für einen Törn nach Texel.

karte_reiseziele_grossPfingstsamstag ging’s los. Bei wolkenlosem Himmel und östlichem Wind zuerst von Stavoren mit Kurs Nord nach Makkum, im äußersten Nord-Osten des Ijsselmeers. Diesen Routenplan hatten allerdings nicht nur wir (Ole und ich). Das Segel-Orakel sollte recht behalten: „Pfingsten nach Texel? Ihr werdet nicht allein sein. Stellt euch auf volle Schleusen und Häfen ein“. Schon das Ijsselmeer war übersät mit weißen Segeln. Die Saison hat begonnen. Endgültig.

Die Nacht verbrachten wir an der Außenmole der tatsächlich reichlich überfüllten Marina Makkum. Und zur Aufrechterhaltung des Helden-Modus‘ den Abend im Hafenrestaurant bei Bier und Pizza.

P1010997 Kopie kleinAm nächsten Morgen wurde es ernst. Hochwasser an der Wattenseite der Schleuse Kornwerderzand sollte gegen 13 Uhr sein, und meine Anti-Überfüllungsstrategie sah vor, dass wir ca. 2 Stunden vor Hochwasser schleusen sollten. Meine Vermutung war, dass die meisten Texel-Fahrer erst mit Hochwasser schleusen würden, um dann mit ablaufendem Wasser eine flotte Fahrt nach Westen zu machen. Wir hingegen wollten noch ein bisschen Gegenstrom in Kauf nehmen. Das bremst zwar zunächst, schafft aber dennoch einen Zeitvorteil gegenüber der Standardplanung. Theoretisch.

DSC01094 Kopie kleinPraktisch war die Schleuse, die in Sichtweite von Makkum einen Durchlass im Abschlussdeich des Ijsselmeeres bildet, bei weitem nicht so voll wie befürchtet. Unsere Wartezeiten-Kalkulation von einer Stunde wurde sofort über den Hafen geworfen, als wir in den Vorhafen einliefen, die Schleusentore sperrangelweit offen standen und des Schleusenwärters Lichtsignal ein einladendes Grün zeigte. Rein in die Schleusenkammer, Kamera zum freundlichen Holländer nebenan rübergereicht, Smile, Foto (siehe ganz oben), raus aus der Schleusenkammer. Eine Sturzgeburt ins Wattenmeer.

Die Helden schütteln sich, Rüm Hart nimmt den allerersten Salzwasserkontakt mit stoischer Ruhe. Okay, die noch auflaufende Tide ist natürlich jetzt stärker als zur späteren Stunde geplant, aber egal, der Wind aus Nord-Nordost mit Stärke 3 Bft. passt und bringt uns gegen den Strom nach Westen. Die Strömung wird schwächer, die Fahrt flotter, der Navigator mutiger. Wir kürzen ab, verlassen das Hauptfahrwasser und gehen südlich von Burgzand durch. Nun muss man an dieser Stelle eingestehen, dass der dafür erforderliche Heldenmut nicht gerade historische Dimensionen annehmen muss. Ein Blick in die Karte reicht selbst dem mathematischen Untalent, um zu erkennen, dass Rüm Hart mit rund 1,30 m Tiefgang locker über eine Stelle kommt, die selbst bei Niedrigwasser noch 3,90 m Wassertiefe bietet. Plus Gezeitenzuschlag. Allerdings bleibt uns rätselhaft verborgen, warum die anderen Segler nicht den gleichen Weg wählen und statt dessen den längeren Nordbogen nehmen.

Oudeschild, wer findet Rüm HartAber so, liebe Kollegen Segler, so teilt ihr euch die restlichen Plätze. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn im Tidenhafen von Oudeschild / Texel ist genau noch eine Box frei. Und – Ha! – die steht natürlich dem Matchwinner zu. Der Rest krümelt sich ins Päckchen an andere Boote. Kurz nach uns wird der Hafen wegen Überfüllung geschlossen. Aber wir sind drin!

Und um drei Erfahrungen reicher:

Erstens, die Strecke Kornwerderzand – Texel ist völlig unproblematisch für Wattenanfänger, die selbst bei Niedrigwasser noch vorhandenen Wassertiefen immer ausreichend. Zumindest im ausgetonnten Fahrwasser. Zu kalkulieren ist nur mit dem Tidenstrom.

DSC01069 Kopie kleinZweitens, die Navigation mit nem iPad ist eine tolle Ergänzung der Papierkartenarbeit! Der Steuermann ist endlich nicht mehr der bloße Empfänger navigatorischer Anweisungen aus dem Salon. Nein, er plottet mit und hat eine Orientierung. Dies allerdings mit gebotener Skepsis, denn es kommt schon mal vor, dass das benutzte Navionics-App Tonnen falsch benennnt (wie vor Makkum) oder die Hochwasserzeit vor Kornwerderzand ein halbe Stunde zu früh vermutet.

DSC01061 Kopie kleinDrittens, Rüm Hart hält sehr gut mit anderen, teilweise etwas längeren Schiffen mit. Trotz Übergewicht. Der erfahrene Segler weiß: mehr als eine Yacht ist eine Regatta. Es wird also immer gegeneinander gesegelt, wenn ein anderes Schiff in Schlagdistanz ist. So kabbelten wir uns auf dem Hinweg beispielsweise erfolgreich mit einer Delphia 33. Allerdings: wir mit dem großen Code-0 Vorsegel, die Delphia mit Genua. Was aber im Ergebnis zu der Bestätigung führt, dass wir unser Schiff mit der richtigen Segelkonfiguration ausgestattet haben. Gewicht braucht Flexibilität in der Wahl der Mittel. Das kennt man ja.

So, das war der Hinweg und ein weiteres erstes Mal – mit Salzgeschmack. Davon, dass der Rückweg nicht ganz so siegreich verlief, erzähl ich das nächste Mal. Bald!

DSC01098 Hinweg kleinNoch kurz zur Erläuterung meiner abfotografierten Seekarte (draufklicken zum Vergrößer, wie bei den Fotos): die Karte zeigt das westliche, niederländische Watt bei Niedrigwasser zwischen dem Abschlussdeich des Ijsselmeeres (schnurgerade von oben rechts bis zur Bildmitte unten) und der Insel Texel (oben links), der westlichsten niederländischen Nordseeinsel. Das Gelbe ist Land, das Grüne auch, schaut aber nur bei Niedrigwasser heraus. Die Wassertiefen sind in drei Farbstufen zu erkennen: blau = bis 2 m, hellblau = über 2 m, weiß = über 5 m . Außerdem geben viele Zahlen ebenfalls die dort vorhandene Tiefe bei NW an: 9 mit einer etwas tiefergestellten 4 beispielsweise sind 9,4 m. Zahlen mit Strich drunter geben die Höhen an, die dort bei Ebbe herausschauen.

Die gesegelte Strecke auf dem Hinweg zwischen der Schleuse Kornwerderzand und Oudeschild auf Texel habe ich als gelbe Linie eingemalt. Die von Hand eingetragenen vierstelligen Zahlen sind Uhrzeiten (hhmm) und beziehen sich auf die Punkte mit Kringel drumherum, unsere jeweiligen Standorte.

Genug der navigatorischen Nachhilfe?

 

Hilmar bringt’s

IMG_0002001Es war eine alte Verabredung zwischen Sigrid und mir: sollten wir je in der Lage sein, ein eigenes Schiff unser Eigen nennen zu dürfen – Quatsch – nochmal – sollten wir also je zu einem eigenen Schiff kommen, haben wir auch die Kohle für ein anständiges Manövertraining. Für Sigrid ist allein schon die Tatsache neu, dass Segelschiffe auch einen Motor haben. Die Jollen, auf denen sie vor zwanzig Jahren mir zuliebe den A-Schein machte, hatten sowas nicht. Da wurde ganz fundamentalistisch gesegelt. Auschließlich gesegelt. Nun gut, in Ausnahmefällen vielleicht noch gepaddelt.

Und mir – ich muss es an dieser Stelle mal zugeben – geht vor jedem Anlegemanöver immer noch der Adrenalinspiegel in Alarmbereitschaft. Vor allem bei solchen, die bei viel Seitenwind gefahren werden müssen. Sicher gibt es ein paar Jahre Erfahrung mit vielen letztendlich anständig vollbrachten Hafenmanövern. Aber zu meinen Lieblingshobbies haben sie bislang nicht gehört, und von so einigen Patzern müsste ich ehrlicherweise auch erzählen.

IMG_0010009Also geschah, was verabredet war, und Hilmar Knoops trat in unser Leben. Freitagmittag war’s, als ein stark verschnupfter Kapitän für große Fahrt auf unser kleines Schiff kam. Und es enstand ein ganz und gar unverabredeter Deal: er brachte uns das Manövrieren bei und Sigrid stabilisierte mit Hilfe der Bordapotheke seine persönliche Manövrierfähigkeit.

Der andere Teil war abgesprochen. Hafenmanöver unter Motor in allen nur denkbaren und bislang undenkbaren Lebenslagen. An- und Ablegen vorwärts in die Box, rückwärts in die Box, längsseits an den Steg – mit Backbord und Steuerbord, rückwärts vor Buganker an den Stegkopf, bei Seitenwind, bei Rückwind, mit Wind von vorn. Eindampfen in verschiedene Springs, wobei sich die Mittelspring glasklar als Lieblingsspring unseres Trainers herausstellte. Zu Recht, wie ich heute weiß. Wir sind in den zwei Stavoren-Häfen (Noord und Buiten) in Mauselöcher reingefahren, in die ich nie und nimmer reingefahren wäre. Im Interesse einer IMG_0016015Schadensbegrenzung und weil man ja schließlich auch wieder raus will. Aber – oh Wunder – wir sind wieder raus gekommen! Meistens mit Hilfe von Manöverleinen, die wir an bislang völlig unbeachteten Stellen belegten. Hilmar benutzte ungeniert die Klampen anderer Boote um 15 oder 20 Meter lange Hilfsleinen zu legen. Kurz: wir haben Hafenkino par excellence abgeliefert.

Aber wir hatten Erfolg und Sigrid hat zu meiner großen Freude noch am Freitagabend ihr erstes Anlegemanöver hingelegt und auch gleich ihre naheliegendste Frage beantwortet bekommen: wie bremst man so’nen Kahn eigentlich? Hilmar hat mit seiner ruhigen, auf das Wesentliche konzentrierten Art erheblich dazu beigetragen, dass wir immer besser und sicherer wurden. Immer wieder haben wir die Praxis unterbrochen, haben uns beim Kaffee um seine mitgebrachte Magnettafel gesetzt, Modellschiffe hin und her geschoben und die Hebelwirkung von an bestimmten Stellen des Bootes belegten Festmacherleinen simuliert. Oder über die Rüm Hartsche Reaktion auf ein quergestelltes Ruderblatt im Schraubenwasser nachgedacht.

IMG_0008007Sonntagmittag waren unsere kognitiven Akkus voll – es drohte sogar eine Überladung. Trotz letzter, verzweifelter Input-Versuche unseres Kapitäns auf diesmal ganz kleiner Fahrt kam zwischen den Ohren nichts mehr an. Geistige Verstopfung. 48 Stunden Intensivtraining brachten uns an die Grenzen. Ja, 48 Stunden! Denn nicht nur die Praxis zwischen Frühstück und (spätem) Abendessen forderten den ganzen Mann, die ganze Frau. Nein, auch die offensichtlich sehr unterschiedlichen Biorythmen von Hilmar und uns verlangten unsere Standfestigkeit. So ruhig und kontrolliert Hilmar tagsüber war, so sehr lebte er noch während des Abendessens auf und war erst zu Zeiten in die Koje zu bewegen, zu denen wir uns sonst und üblicherweise schon längst der traumatischen Verarbeitung des Tagesgeschehens zugewandt hätten.

Wir werden also unsere Bordapotheke um klitzekleine Pillen erweitern, die sich völlig geschmacksneutral ins Abendessen mischen lassen und den Tagesrythmus unserer Gäste an die innere Uhr der Eigner angleichen. Wozu hat man eine Apothekerin in der Großfamilie?

Hallo ihr da draußen

Weihnachten 2010. Meine Tochter schenkt mir eine Domain und gibt den entscheidenden Anstoß zur Erstellung dieses Web-Logbuches, kurz Blog. Was soll das, wird man sich fragen. Nun, der Sinn ist, über unsere Entscheidung für ein eigenes Segelschiff zu berichten. Ich selbst bin wohl am meisten gespannt, was sich daraus entwickeln wird und welche Erfahrungen ich mit dieser Art Öffentlichkeit machen werde