Sturm

von Manfred Jansen / am 07.10.2018 / in Die Kapitel
4

Na gut, sagen wir korrekter: Starkwind. Aber viel fehlt nicht. Alles fängt harmlos an. In Hindeloopen ist alles noch friedlich. Kaffee mit Henk, dem Hafenmeister, später kommt Thomas mit seiner EmiLu längseits, wir liegen im Päckchen. Zwei Stunden später übrigens auch Christian aus Amsterdam, beides Freunde aus dem Segeln Forum. Schwätzchen beim Kaffee im Cockpit, und abends gehen wir zu viert essen.

Am nächsten Tag Enkhuizen, immer noch mit Bummelwind. Aber dann, nachts, frischt es stark auf. Sigrid möchte trotzdem ablegen, ihr ist mal wieder – gar nicht bange – nach „Äktschn“. Die vorhergesagten 24 Knoten Wind, in Böen bis 30, sind ihr nicht unbekannt. Also Windstärke 6 bis 7 aus SSW. Mit Rückenwind nach Den Oever sollte kein Problem sein.

Ist es auch zunächst nicht. Nur unter Genua (das Groß liegt auf dem Baum bereit, bleibt aber unten) ist alles easy. Aber der Wind dreht erstens auf fast West und wird zweitens immer stärker, stärker als vorhergesagt. Wenn das so weitergeht gibt’s nur zwei sinnvolle Möglichkeiten: umkehren oder ablaufen auf Makkum oder Hindeloopen. Wir entscheiden uns für Makkum (bei der vor Hindeloopen zu erwartenden Welle quer zum Einfahrtskanal durch die Flachs … nö danke).

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Video-Link: https://youtu.be/dAAv9OmCl0U

Alles prima, das macht Spaß, wie man sieht. Aber eine sträfliche Sünde muss an dieser Stelle auch gebeichtet werden: ohne Rettungsweste im Cockpit. Eigentlich streng verboten bei uns, es sei denn bei absolutem Schwachwind, aber bestimmt nicht bei diesen Bedingungen. Ok, wir geloben Besserung und versichern, dass es wirklich nur für diesen kurzen Augenblick war. Der Beweis:

Eine halbe Stunde nach den Filmaufnahmen haben wir in Böen fast 40 Knoten Wind (39 Komma irgendwas), da fehlt nicht viel an 9 Beaufort. Der Grundwind hält sich bei 33 bis 35 Knoten auf. Nur unter Genua stehen beständig über 8 Knoten auf dem Tacho. Ich beobachte die Relativgeschwindigkeit zu den anrollenden Wellen. Die sind immer noch schneller. Zwei Sonnenschüsse im Viertelstundenabstand. Zum ersten Mal in Rüm Harts Leben rolle ich die Genau teilweise ein, schmeiße den Diesel an und lass die Schraube mitlaufen. Das bringt Stabilität in den Kurs. Zum einen wohl wegen der ausgewogeneren „Antriebskräfte“ (wie Allrad beim Motorrad 🙂 …), zum anderen aber sicher auch, weil durch den Schraubenstrom das Ruderblatt zusätzlich angeströmt wird und der Autopilot leichteres Spiel hat (der ansonsten tapfer und zuverlässig seinen Job tut, braves Kerlchen). Nun beginnt sich das Groß, das zwischen den Lazy Jacks und offenen Bags lose auf dem Baum liegt, selbstständig zu machen, es weht mehr und mehr aus. Ich kann es, im Niedergang stehend, mit langen Armen einfangen und einen Zeisig drum herum schlagen. Erledigt. Wellen, die Relingshöhe erreichen, rollen von schräg achtern an. IJsselmeerwellen! Der Kenner weiß was das heißt. An’s Fotografieren oder gar Filmen denkt keiner von uns Beiden. Jetzt noch die Anfahrt auf Makkum zwischen die Flachs durch. Ich lass den Autopiloten steuern, korrigiere nur ständig mit der Fernbedienung den Kurs. Das klappt hervorragend. Endlich ist die Kanaleinfahrt da – zack, die Wahnsinnswellen sind wie abgeschaltet. Uff! Wir machen im Stadthafen fest und treffen verabredungsgemäß Fred. Sigrid bekommt ein dickes Lob und einen selbigen Kuss. Sehr tapfer durchgehalten.

Zwei Tage später liegt Rüm Hart sicher mit zweifacher Bugleine nach Luv an ihrem Heimatplatz in Warns. Der nächste Sturm hat sich angekündigt. Es ist Herbst. Das Saisonende naht.

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4 Kommentare

  • "Jugocaptan" Peter Neunteufel says:

    Das arme Rigg! Die Belastung nur durch die Genua ist eben am größten. Das „einfache“ segeln ist nicht immer gut für das Schiff.

  • Thomas Sülzen says:

    Hallo Ihr Lieben, ja war ein nettes We in Hindeloopen! Mein Boot hört aber auf den Namen EmiLu , das Lu steht für Luis ( Spanisch nicht Französisch) Viele Grüße an alle Thomas