Sturmmodus

Es ist Mittwochabend der 4. September, 21:30 Uhr. Rüm Hart schaukelt gemeinsam mit mir zwischen 2 Heckdalben, 4 Festmachern, 2 Nachbarschiffen und mit zeltgeschütztem Cockpit in einem ruppigen Westwind. Der übrigens heute Vormittag, als ich hier im Heimathafen von und zu Warns festmachte, noch ein sehr kräftiger Südwind war. Ab mittags dann immer wieder heftige Regengüsse. Jetzt gerade eben wird mir der Rotwein zu kalt – von mir selbst gar nicht zu reden – und ich werfe die Heizung an.

Ganz anders noch vor 14 Tagen – Rückblick -, als ich mit Sigrid unterwegs war. Wunderbarer Liegeplatz außen an der Pier in Den Oever mit Aussicht aufs IJsselmeer und den Schiffsverkehr vor der Schleuse, Passatsegeln (Backbord der Code-0, Steuerbord die Genua) nach Makkum, eben dort ein Liegeplatz in der Sonne mit Lese- und Daddelstunden im Cockpit. Die Welt ist klein und in Ordnung. Vielleicht ist sie auch in Ordnung, weil sie auf einem Schiff so klein und doch unendlich ist – nur um dem Ganzen auch mal eine kleine philosophische Komponente hinzuzufügen.

Übrigens: die Passatstellung der beiden großen Vorsegel geht prima bei einem Windeinfallwinkel zwischen rund 170° Backbord bis 170° Steuerbord, ohne eines der Segel ausbaumen zu müssen (ich mag das Geraffel mit dem Spibaum vorm Mast nicht). Das scheint mir jedenfalls ein passabler Spi-Ersatz zu sein.

Zwischendurch wird noch schnell ein bisschen „Soziologie“ betrieben. Heißt: Grillfete in oder besser vor unserer Stamm- und Heimathafenkneipe mit einem Haufen lieber Menschen, die sich auch ansonsten nach Kräften helfen und unterstützen. Das ist das Schöne hier und für mich persönlich ein gaaaanz wichtiger Faktor bei der Auswahl des Hafens.

Dann bin ich ein paar Tage allein – Sigrid muss nach Hause -, bleibe aber im Hafen und schrubbe, wienere, staubsauge und poliere was das Zeug hält. Mein Nachbar schaut zu und fragt: Watt iss los, kriegste Damenbesuch? Volltreffer! Es sind allerdings auch Herren dabei. Meine Englischfreunde, seit 20 Jahren meine wöchentliche „Fremdsprachen-Therapiegruppe“ (sie tun mir einfach gut 🙂 ), sind eingeladen zu einem „nautical weekend“ auf Wilhelms Motorschiff und meine Rüm Hart. Ein toller Haufen, sehr liebe Menschen, und deshalb haben wir auch ein Wahnsinnsglück mit dem Wetter: Sonne und Damenwind, genau richtig, um Bootsneulingen ein Schnupperwochenende zu bieten. Dazu noch jede Menge Boote aller denkbaren Sorten unterwegs, da gibt es viel zu schauen. Durch die staunenden Augen der Gäste betrachtet, wird auch mir wieder mal in Erinnerung gerufen, was für ein Wahnsinnsrevier die Holländer hier haben – und es mich mitnutzen lassen.

Wir errichten unser Basislager im Hotel Galamadammen. Wilhelm macht mit seiner Crew die friesischen Seen unsicher, ich mit meiner das IJsselmeer. Zunächst Richtung Medemblik, zurück über Workum und das Heeger Meer nach Galamadammen, das Anlegebier noch am Steg – Prost! – und abends gibt’s lecker Dinner im Hotel.

Übrigens: mein blaues Poloshirt ist NICHT das einzige an Bord und wurde zwischen beiden Feten gewaschen. Ich schwöre bei Neptun, Poseidon und Rasmus!

Dann bin ich wieder allein. Zunächst ein Lückengefühl. Bis Lemmer. Aber wer nach dem lauten und trubeligen Lemmer nicht sowieso das Bedürfnis nach Ruhe hat, der … na ja. Aber erst treffe ich noch Gerd und Hanni dort, welch eine tolle Überraschung! Gerd, ein alter Segelkumpel, und ich gehen Pizza essen, aber ich spüre die Wallungen der letzten Tage, bin wohl ein schlechter Unterhalter. Müdigkeit macht sich im Hirn breit. Ich schlafe wie ein Stein.

Trotzdem schaffe ich eine der ersten Schleusungen am Morgen. Kreuzkurs nach Enkhuizen. Komisch, Wind und ruppige Welle aus total unterschiedlichen Richtungen. 30 bis 40° Differenz, das hab ich so auch noch nicht beobachtet, jedenfalls nicht auf dem IJsselmeer. Der Segeltag wird lang. Ich darf im Compagnieshaven in der Ecke neben der Tanke liegen bleiben. Wunderbare Aussicht auf die herein kommenden Yachten. Aber auch ich werde gesehen und angesprochen. Und ganz entgegen meines sonstigen Naturells ist mir nicht nach „Soziologie“. Heute nicht. Sorry, Uschi, Peter, Heinz, Ulrich und Thea, dass ich nicht ganz so einladend wirke wie sonst und sogar das Bier im ‚t Ankertje sausen lasse. Ich igele mich an Bord ein, bruzzele mir ein Abendessen zusammen und drehe den Menschen den Rücken zu. Ein bisschen jedenfalls.

Persönliche Bestzeit am nächsten Tag auf dem Weg nach Hindeloopen: 17 Seemeilen in 2,5 Std. Ein Schnitt von über 6,5 Knoten! Sowas geht mit 18 bis über 20 Knoten Raumschotwind, mitlaufender Welle, zweifach gerefftem Groß und voller Genua. Herrlich! Ein besonderes Lob für meinen Autopiloten, der zwei- dreimal einen Sonnenschuss verhindert … 🙂 . Das war jetzt nötig.

Blick auf die Hafeneinfahrt in Hindeloopen

Hylper Haven – einer meiner Lieblingsorte und -häfen. Die Riesenmarina gleich nebenan meide ich. Henk, der Hafenmeister, kommt, wie mittlerweile üblich, zum Kaffee an Bord. Und wenn’s mir irgendwo gut gefällt und mein innerer Frieden im Gleichgewicht ist – oder umgekehrt?, – dann fange ich an zu fotografieren. Bitteschön, Hindeloopen (wie bei allen Fotos, anklicken zum Vergrößern):

wer findet Rüm Hart?

Ok, Rückblick Ende – und jetzt? Jetzt ist es 23 Uhr, der Wind hat kräftig zugelegt, Getöse und Windheulen draußen. Drinnen läuft die Heizung immer noch. Aber nicht mehr lange, mir wird zu warm. Wechseltage. Wechselhafte Tage.

Freitag kommt Bodo an Bord. Auf den freue ich mich besonders. Hoffentlich hat sich Rasmus bis dahin ausgetobt …

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