Ein Sonntag ist generell ein feiner Tag für einen Start. Nur leider wird mein Start-Sonntag seinem Namen nur teilweise gerecht. Start ist ok, aber von „Sonn-“ kann keine Rede sein. Im Gegenteil, es regnet als ich in Warns die Leinen losschmeiße und aus dem Heimathafen dampfe – nicht ohne von Jörg und Andrea noch winkend abgelichtet zu werden. Aber ich will zumindest aus dem Johan-Friso-Kanal und der letzten Schleuse raus, um morgen früh unabhängig von irgendwelchen Betriebszeiten starten zu können. Außerdem muss ich in Stavoren noch tanken. 65 Ltr, HV100 (synthetischer Diesel) für 182,- € 🫣. Diese Freudenhauspreise verlangen nach einer Verdauungshilfe in Form einer zumindest kurzen „Seereise“. Nach nur 5 Seemeilen lande ich – wie immer sehr gern – an den Stegen vor der Schleuse Workum. Ein feiner Platz um für ein paar Wochen Abschied von der Region und dem IJsselmeer zu nehmen.
Brücke, tanken, Schleuse, alles klappt wie am Schnürchen. Ich nehme das mal als gutes Omen für alles, was ich in den nächsten Wochen vorhabe. Das gute Omen hält exakt bis zum nächsten Morgen – also heute. Dicker Nebel. Um 8:30 lege ich trotzdem ab, mal sehen, ob es draußen auf dem IJsselmeer auch so dick ist. Ist es. Ich schleiche mich unter größter Aufmerksamkeit gen Norden zur Schleuse Kornwerderzand, und 300 m vor selbiger habe ich auf einmal klarste Sicht.

Ausschleusen ins Wattenmeer und nach der Schleusenausfahrt links abbiegen. Ich will den kürzeren Weg nach Terschelling nehmen, der allerdings über ein Wattenhoch (Zuidoostrak) führt. Für die nicht-Nautiker unter den Lesern (die sich für diese Reise vermehrt unter den Abonnenten eingetragen haben): was ist ein Wattenhoch? Einfach erklärt: eine besonders hohe Stelle eines „Hügels“ unter Wasser, der bei Niedrigwasser eine Insel wird, dann trockenen Fußes betreten werden könnte und nur bei Hochwasser (bzw. kurz davor und danach) von bestimmten Schiffen überfahren werden kann. Bei den Niederländern heißt sowas Wantij. Auf der Seekarte zwischen den Tonnen ZR 23 und 25. Für mich und dem Tiefgang meines Schiffes (1,25 m) eröffnet sich ein Zeitfenster von 9:25 bis 13:26 Uhr für eine „kontaktlose“ Passage. Bei der heutigen Welle von geschätzt einem halben Meter empfiehlt es sich, eher in der Mitte dieses Zeitfensters zu bleiben, um nicht bei den vertikalen Bewegungen meiner Rüm Hart doch noch Bodenkontakt zu bekommen. Aber wie immer bin ich erfolgreich übervorsichtig und hab auch nicht vor, diese Haltung in den nächsten Wochen zu ändern.
Übrigens hab ich kürzlich mal nach einer passablen Übersetzung ins Englische für „Wattenhoch“ gesucht. Vergeblich. Einen direkt übersetzbaren Namen wie im Niederländischen findet man nicht, höchstens erklärende Formulierungen wie tidal divide, weil Wattenhochs auch so eine Art Wasserscheide bilden. Das spiegelt wohl die Tatsache wieder, dass das niederländische und deutsche Watt mit all seinen Eigenarten etwas global ziemlich Einmaliges ist.

Die allerletzten Seemeilen sind nochmal eine Geduldsprobe mit Namen „Gegenstrom“. Ca. 2 Stunden nach Hochwasser läuft selbiges bereits mit Schmackes wieder ab und kommt mir mit bis zu 2,5 Knoten entgegen. Das reduziert meine Standardgeschwindigkeit von rund 5 Knoten auf die Hälfte. Und das wo ich doch ganz schnell mal einen ordentlichen Kaffee gebrauchen könnte.
Um 15:20 Uhr ist es dann soweit, dass ich den ersten Inselboden meiner Reise betrete. Genauer: den Steg im schon gut gefüllten jachthaven auf Terschelling. Schön brav mit dem Bug Richtung Ausfahrt, wie es die hiesige Hafenordnung so will.
Morgen früh lege ich ab Richtung Ameland. Dann werde ich auf der Strecke 2 „Hügel“ und Zeitfenster nacheinander haben. Aber die Planung steht und schreibt „ablegen um 09:30 Uhr“ vor. Das kriege ich hin und werde berichten.
*****





Viel Spaß beim Schlickrutschen und gute Reise, vor allem eine sichere Heimkehr!!!
Viele Grüße, Rainer