Neuzeit

Und damit sind wir im Jetzt und Hier angekommen. Mit den ersten Einträgen kurz nach Weihnachten 2010 bis zum letzten habe ich in 13 Kapiteln nacherzählt, wie es zur Entscheidung für unser Schiff gekommen ist, welche Bauchschmerzen und Hirnverschlingungen damit verbunden waren und wie unsere ‚Rüm Hart‘ aussehen wird. Ehrlich gesagt war es ein einziges Einbremsen meinerseits, denn es hätten durchaus auch 23 statt 13 Einträge sein können. Wenn ich nämlich meiner Detailversessenheit nachgegeben hätte.

Wie geht’s weiter? Nun, Anfang März werden Sigrid und ich ein zweites Mal nach Plön fahren, um viele dumme Fragen zu stellen und den Sirius-Leuten Gelegeneit zu geben, an unser Geld zu kommen. Kurz danach wird unser Schiff auf Kiel gelegt. Leider ist das heute kein besonders erhebender Akt mehr. Sagen wir es mal so: der erste Eimer GFK wird in die Form gegossen und nach vielen weiteren Eimern wird später daraus der durchgehärtete Rumpf entnommen. Wenig prätentiös, einfach nur so. Genauso passiert es mit dem Deck, und wenn beide zusammengefügt worden sind (Hochzeit … schon klar …) geht’s an den Innenausbau. Die Fertigstellung ist für Ende Juli 2011 geplant, und direkt danach wird es in Neustadt an der Ostsee erstmalig seinem wässrigem Element übergeben. Danach Transport nach Holland und Taufe. Über all das werde ich berichten und Euch auf dem Laufenden halten. Versprochen!

Bis dahin aber werden noch viele weitere Besuche in Plön notwendig sein. Hat jemand Tipps für ein preiswertes Hotel?

Ronny Richter ist ein netter Mensch, …

… trotzdem mussten wir ihn enttäuschen. Wir haben ihn gestern besucht. Auf der ‚boot‘, Europas größter Bootsausstellung in Düsseldorf. Ronny Richter verkauft seit kurzem die englischen Southerly-Yachten in Neustadt an der Ostsee und wir haben ihn auf dem Stand von Southerly getroffen und uns vorgestellt. Schließlich hatten wir im letzten Jahr ein paar Mal E-Mail Kontakt, als die Southerly 32 noch im Spiel war. Seit gestern weiß er, dass wir uns für Sirius entschieden haben. Er trug’s mit Fassung und Fairness. Für uns aber war das nochmalige Durchkrabbeln der 32 eine Bestätigung, mit der Sirius 310 DS die richtige Wahl getroffen zu haben.

Natürlich waren wir auch bei Sirius. Was nicht ganz einfach war, denn die beiden dort ausgestellten Schiffe – eine 310 und eine 35 – waren ziemlich überlaufen. Das Publikumsintresse war so groß wie Torsten Schmidt und Ulrike Firk gut gelaunt waren. Die 310 war besonders interessant, da sie bezüglich der Inneneinrichtung als 4-Kojenversion unserem Boot entspricht und wir die Chance hatten, uns unsere Rüm Hart life vorzustellen. Das hat zu der (teuren) Erkenntnis geführt, dass wir mit der 4-Kojen-Standarversion nicht klarkommen, sondern auf die Komfortversion umschwenken müssen. Was in der Bugkabine ein bisschen mehr Bewegungsraum ergibt. Kostet natürlich – muss ich’s wirklich erwähnen? – Aufpreis.P1010711
Ein weiteres Exemplar der Gattung ’netter Mensch‘ ist Hilmar Knops. Auch den haben wir gestern auf der boot kennen gelernt, nachdem ich zuvor mit ihm Telefon- und E-Mailkontakt hatte. Hilmar Knops ist in der Wassersportszene bekannt mit seinen Manövertrainigs, die er Yachties anbietet, um nach alter Väter Sitte und in klassischer Weise Hafen-, Schleusen- und überhaupt An- und Ablegemanöver zu lernen und unter seiner Anleitung zu trainieren. Dabei geht es darum, das eigene Schiff, aber auch die natürliche Umgebung in der sich das Böötchen normalerweise bewegt, nämlich Wasser, Strömung, Wind und Zuschauer zu beherrschen und für die Zwecke des vorgesehenen Manövers zu nutzen. Und zwar ohne das Schiff zu einem automatisierten high-tec-Gerät auszurüsten. Wer mag, kann mal hier reinschauen: www.manoevertraining.de.

Der überdurchschnittlich intelligente Leser und regelmäßige Besucher dieser Seiten merkt schon, dass damit das Thema ‚Bugstrahlruder‘ vom Tisch ist. Und jetzt wird auch klar, warum uns Torsten Schmidt in weiser Voraussicht die Komfort-Version präsentiert hatte. Der gute Verkaufsstratege bietet „befreitem“ Kundenkapital rechtzeitig genügend alternative Betätigungsfelder.

Farblos

Von Beginn an hing unser Herz eigentlich an einem eher dunklen Grauton für den Rumpf unseres neuen Bootes. Sicher waren wir dabei beeinflusst von zwei Ansichtszeichnungen der 310, die die Sirius-Werft sehr früh, als die erste noch gar nicht produziert war, veröffentlicht hatte. Nämlich diese hier.

102100Die rechte, graue Darstellung sieht doch eindeutig eleganter, weniger langweilig, einfach besser aus, oder? Aber welches Grau genau? RAL 7011? 7040? 7042? 7043? … Ich könnte die familiär diskutierte Nummernreihenfolge aus den RAL-Musterkarten endlos fortsetzen – ohne Ergebnis. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass ich zwar sehr viel Kreatives, aber wenig Zielführendes zu dieser Diskussion beigetragen habe. Im Gegenteil, bei den restlichen Mitglieder meiner kleinen Truppe lösten meine Einwürfe immer Entsetzen und Kopfschütteln aus. Schließlich wurde ich sogar von der Abstimmung ausgeschlossen. Ohne meine Beteiligung – es kann keine anderen Ursachen haben – drehte sich die Farbwahl allerdings in einer Endlosschleife.

Die Lösung schließlich wurde kräftig beschleunigt durch zwei Ereignisse: Weihnachten und ein Telefonat. Zu Weihnachten kam von der Sirius-Werft Post. Torsten Schmidt schickte zwei Kalender (natürlich) mit Segelszenen seiner Produkte. Der größere der beiden Kalender hängt seitdem im Flur direkt vor der Schlafzimmertür, so dass ich jeden Morgen beim Gang zum Rasieren unweigerlich, höchst willkommen und zumindest auf dem Januarblatt eine weiße (!) Sirius 310 DS in Aktion sehe. Beim Telefonat spielte Torsten Schmidt ebenfalls die Hauptrolle. denn er war mein Gesprächspartner. Und er machte mir klar, was ich aus eigener beruflicher Praxis längst wusste: Der Nachteil jeder anderen Farbe als Weiß ist, dass sie sich schneller verändert und ausbleicht, dass eine etwaige Reparatur etwas schwieriger ist und der Reparateur schon mal mit dem gewählten Farbton daneben greift. Und dafür sollten wir auch noch einen saftigen Aufpreis zahlen?! Nur für die Optik?!

Und das weiße Schiff auf dem Kalender sah doch wirklich nicht schlecht aus! Sogar elegant! Schnittig! Viiiiiel besser! Auf einmal ging alles ganz schnell. Der Zeitpunkt war allerdings auch günstig, denn der glühendste Verfechter der grauen Lösung, Sohn Ole, war kurz nach Weihnachten wieder abgereist.

Also, die Entscheidung steht: Unsere Rüm Hart wird eine weiße Rüm Hart!
0591-Sirius 310DS

Watt is’n en Bugstrahlruder? …

… Da stelle wa uns ma janz domm …

Kommt einem bekannt vor, nicht wahr? Völlig unbekannt dagegen könnte dem der christlichen Seefahrt nicht ganz so enthusiastisch verbundene Leser der Begriff ‚Bugstrahlruder‘ vorkommen. Ok, Bug ist vorne Zadm_drydockund Ruder hat was mit Steuern zu tun. Aber Strahl? Wasserstrahl???

Volltreffer! Es geht tatsächlich ums Steuern, denn mit Hilfe eines im Bugstrahlruder erzeugten Wasserstrahls kann der Bug des Schiffes nach links oder rechts versetzt werden. Das kann sehr hilfreich sein beim Anlegen, vor allem beim Anlegen mit Seitenwind, der das Schiff ausgerechnet dahin drückt, wohin der Skipper nun partout nicht will. So manches Hafenmanöver ist – natürlich coram publico – wegen widriger Windverhältnisse oder handwerklicher Mängel des Ausführenden (oder beidem) in die Hose gegangen. Regelmäßig kommt es dabei in Sportboothäfen zu herrlichen, unterhaltsamen Einlagen der ein- oder auslaufenden Crews auf ihren schwimmenden Behausungen. Um sich diese geschmeidigen Vorführungen der nachfolgenden nicht entgehen zu lassen, zieht es so manche Besatzung eines Segelschiffes bereits ab drei UhrSmall_MY_Bow_Thruster_Detail nachmittags in den nächstgelegenen Hafen. Erstens kann man sein eigenes Anlegemanöver noch ziemlich diskret zelebrieren. Und zweitens sitzt man hinterher mit ’nem Anlegebier in der Hand im Cockpit und schaut den anderen genüsslich bei ihren Chaosmanövern zu. ‚Hafenkino‘ ist der dafür gängige Begriff unter Seglern. Und Hafenkino gewinnt besonders dann an Unterhaltungswert, wenn mißlungene Leinenmanövern prompt von schlagartigen Störungen der Bordatmosphäre begleitet werden. Was sich widerum zuverlässig in Veränderung der sprachlichen Gewohnheiten, in Wortwahl und Lautstärke ausdrückt. Warum Friedensforscher immer nur die Weltpolitik im Auge haben, ist mir ein Rätsel. Sie bräuchten sich nur mal ein Wochenende während der Hauptsaison in Enkhuizen auf den Steg oder in Lemmer auf die Schleusenmauer zu setzen.

Das wissen natürlich alle Segler und laufen dabei ein bisschen rot an, weil sie alle schon mal … nun ja … Auf jeden Fall sinnt man auf Abhilfe. Und die kann natürlich nur, dem Zeitgeist entsprechend, durch technische Aufrüstung des bescheidenen Schiffchens gewährleistet werden. Also muss ein Bugstrahlruder her. Knöpfchendruck – und zack liegt der Dampfer genau dort an der Pier, wo der Skipper ihn hin haben wollte. Genial! Aber es geht noch besser: die neueste Entwicklung schreibt dem modernen Schiffseigner sogar ein zusätzliches HECKstrahlruder vor. In den aktuellen Werbefilmszenarien der Hersteller steht der Sportboot-Kapitän (mit technischer Aufrüstung geht auch immer eine begriffliche Aufwertung des wichtigen Amtes einher …), steht also der Sportboot-Kapitän mit der Fernbedienung (!) an der Steuerbordseite seines Dampfers und legt ihn Millimetergenau an seinen Platz. An dieser Stelle hat die Zubehörindustrie allerdings noch nicht zu Ende gedacht, denn es fehlen dringend noch automatisch ausfahrbare Greifarme, die die Festmacherleinen in einem finalen Akt über die Poller legen. Für diese Idee sollte mir ein angemessenes Honorar zustehen.

Acergy_Discovery_in_drydock_6Wie aber funktioniert so ein Bugstrahlruder? Eigentlich ist es nichts anderes als ein Loch quer durch den Rumpf und zwar im Bug und – sehr wichtig – im Unterwasserbereich des Rumpfes. In diesen Tunnel ist ein Propeller eingebaut, der sowohl linksrum als auch rechtsrum laufen kann. Dadurch wird ein Wasserstrahl erzeugt, der quer durch den Bug des Schiffes den Rumpf mal nach links mal nach rechts drückt. Jeder große Containerfrachter ist mit mindestens zwei dieser Bugquirle ausgestattet, oft sogar drei. Die übrigens über der Wasserlinie mit einem durchkreuztem Kreis auf dem Rumpf gekennzeichnet sind. Daher weiß der Betrachter wie viele Bugschrauben der Frachter hat und wo die genau sitzen, denn bei der heutigen Qualität der Hafengewässer sieht man die ja nicht.

SDC17599freiDie eingefügten Fotos zeigen mal ein paar Beispiele aus der Berufsschifffahrt und im Vergleich dazu das geradezu niedliche Bugstrahlruderchen einer Sirius 310 DS. Kostet trotzdem über 5 Mille Aufpreis! Sollen wir uns das wirklich antun? Für ein keine zehn Meter langes Schiffchen?

Endgültig …

… stand also nun fest, dass wir im Sommer 2011 ein Schiff unser Eigen nennen würden. Die Gespräche mit Torsten Schmidt in Plön dauerten einen ganzen Tag und waren anstrengend. Ich weiß im Nachhinein auch nicht mehr, ob sie anstrengend waren, weil eine Segelyacht zu konfigurieren ein komplexes Thema ist, oder ob es ein schwerer Tag war, weil eine teure Entscheidung nach der anderen zu treffen war und von den mathematischen Grundtalenten nur die des Kaufmanns würdigste – die Addition – gefordert war. Rechnerisch ging es immer in die gleiche Richtung: aufwärts. Bei jeder denkbaren Ausstattungsoption die Ja- oder Nein-Entscheidung zu treffen war ja noch das Eine. Das Andere war Prioritäten zu setzen. Da wir uns nun mal ein zwar realistisches, aber auch konkretes Maximalziel gesetzt hatten, musste halt definiert werden, was einem super wichtig, sehr wichtig oder nur ganz wichtig war. Das geht ja alles noch, wenn man allein und allein für sich entscheiden kann. Wenn aber die bessere Hälfte und ein mitsegelndes Teilergebnis unser beider Hälften – sprich Junior – mit merkwürdigerweise abweichenden Prioritäten an der Entscheidungsfindung beteiligt sind, wird’s ungleich schwieriger. Keinesfalls darf beim Verkäufer der Eindruck familiärer Uneinigkeit enstehen. Ein schwerwiegender strategischer Nachteil! Nein, Quatsch, wir haben’s hinbekommen. Dank ruhiger, informativer und sachlicher Gesprächsführung von Torsten Schmidt, guter Vorbereitung unsererseits und strikter Haushaltsdisziplin, gab es zum Schluss nur wenige Punkte, die im Laufe der nächsten Wochen noch zu klären sein werden.

Zwei davon, die Rumpffarbe und die Frage, ob unsere ‚Rüm Hart‘ ein Bugstrahlruder (jaja, schon gut, Erklärung folgt) bekommt, sollten uns in den nächsten Wochen noch erheblich beschäftigen. Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. War auch besser so.

Showdown in Southampton

Unsere Einschätzung, dass der gute Torsten Schmidt für ernsthafte Preisverhandlungen viel zu gut gelaunt war, erwies sich als sehr zutreffend. Immerhin würde es uns vergönnt sein, noch für das nächste Jahr (2011) einen Produktionstermin zu bekommen, wenn wir uns bald entscheiden würden. Na klar, diese Art der Verkaufsförderung kam mir doch aus eigener Anwendung sehr bekannt vor, aber was sollte ich machen!? Ich saß diesmal eindeutig auf der falschen Seite des Verhandlungstisches und emotional in der Falle. Angebotsverknappung funktioniert immer – auch bei mir.

Um’s an dieser Stelle nicht zu ausführlich zu machen: Heimflug, Bericht an Sigrid (die beste aller … ), telefonische Nachverhandlungen mit Torsten Schmidt bezüglich einiger Passagen im Kaufvertrag und dann die Entscheidung zu unterschreiben. Die Knappheit dieser Schilderung verschweigt gnädig alle Zeugungswehen, die emotionalen Magenkrämpfe und die Penetranz, mit der ich meiner Familie mit diesem Thema auf den Keks gegangen bin.

Und wer jetzt denkt, mit der Unterzeichnung des Kaufvertrages am 17. September 2010 durch Sigrid und mich wäre endlich Ruhe eingekehrt, der kennt weder die Sirius Werft, noch mich und erst recht nicht die umfangreiche Zubehör- und Ausstattungsliste dieser Schiffe. Durch den Kaufvertrag hatten wir uns ein Produktionsfenster im 2. Quartal 2010 gesichert und ein Basisschiff erworben. Der Rest sollte bei einem Besuch der Sirius-Werft in Plön Mitte Oktober erfolgen. Natürlich waren wir uns über die uns wichtigsten Details unseres neuen Schiffes im Klaren, hatten eine Vorstellung, was da finanziell auf uns zu kommt und waren sicher, die gesteckte Obergrenze einhalten zu können. Dennoch blieb noch genügend Raum für abendelange Diskussionen und Taschenrechnerakrobatik.

Der Besuch in Plön war eine Bestätigung. Die Führung von Torsten Schmidt durch seine Werft war eindrucksvoll und brachte das erhoffte Ergebnis: handwerkliche Qualität wohin man schaut, freundliche Menschen, die ruhig ihren Job tun, mehr Tischlerei als Werft. Was mich am meisten beeindruckte, war die Tatsache, dass wir keine sterilen, klinisch aufgeräumten Produktionshallen vorfanden, sondern einen Handwerksbetrieb alter Prägung, dem man ansieht, dass dort typisches Bootsbaumaterial – vor allem Holz – verarbeitet und geformt wird. Weiß Gott kein Chaos, aber eben auch keine antiseptischen Zustände wie in einem Formel-1-Rennstall. Sehr beruhigend.

Nach diesem Besuch hatte unser Schiff folgende Formen angenommen:

Spätestens nach dieser Anhäufung von Fachterminologie ist meine seglerische Kompetenz ein für alle Mal bewiesen und der Laie versteht bewundernd nur noch ‚Bahnhof‘ . Das soll sich ändern. Deshalb funktioniert jeder der unterstrichenen Begriffe aus der obigen Aufzählung als Link zu einer Meta-Seite, auf der dem interessierten Leser ein wenig Erhellung angeboten wird. Die Betonung liegt dabei auf der Vermittlung von knappem Basiswissen für den nautischen Laien, der erfahrene Segler darf wissend vor sich hin schmunzeln.

Na denn …

Die tollkühnen Männer …

P1010660… in ihren fliegenden Kisten. Wem das noch was sagt, der ist wahrscheinlich genauso alt wie ich. Doppelt so alt kam ich mir vor, als wir in Southampton aus der fliegenden Kiste kletterten, die uns überraschenderweise sicher über den Kanal getragen hatte. Es ist immer wieder bewundernswert, mit welcher Eleganz, Körperbeherrschung und Leidensfähigkeit ich es schaffe, meine Einseinundneunzig samt mehr oder weniger auskurierter Bandscheibenvorfälle und den dazugehörigen Kilos in einen Flugzeugsitz zu falten. Um dann auch noch für die nächsten anderthalb Stunden bewegungslos, in einer Winterschlaf ähnlichen Schockstarre, zu verharren. Aber wir wollen nicht übers Fliegen reden, sondern übers Segeln. Außerdem war’s ein Billigflug.

Die Erkenntnisse aus Southampton waren – nun ja – heilsam. Und ernüchternd. Aber auch betörend. Der Reihe nach:

Die Southerlys waren in einem wesentlichen Punkt eine große Enttäuschung: Stehhöhe. Auf der 32 ist es nicht möglich, im Salon zu stehen, ohne eine orthopädisch fragwürdige Haltung einnehmen zu müssen. Selbst auf den nächstgrößeren Schiffen, der 35 bzw. der 110, ist der aufrechte Gang keine empfehlenswerte Fortbewegungsart. Zumindest nicht unter Deck und wenn einem an einem immerhin äußerlich schadensfreien Verstandskasten gelegen ist. Das hatte ich insgeheim ja fast noch erwartet, was mich aber wirklich enttäuschte, waren die engen Verhältnisse im Niedergang. Für Segellaien: das ist der Eingang von draußen nach drinnen, der bei den meisten Segelschiffen auch gleichzeitig über ein paar Stufen nach unten führt, weil der Salon (drinnen) meistens eine Etage tiefer liegt als das Cockpit (draußen). Bei den Southerlys erinnert das an die lustigen IKEA-Tunnels, durch die unsere Kinder vor vielen Jahren mit großem Vergnügen krabbelten. Ich jedoch stelle mir das Gegröle der Crew vor, die mich mit vereinten Kräften wie einen Korken aus der Flasche aus dem Niedergang würgt, damit ich oben und draußen nach dem Rechten sehen kann, und mich anschließend mit ebensolcher Lust wieder reinstopft, um unten und drinnen meinen Aufgaben als Navigator nachgehen zu können. Des mannhaften Skippers Autorität nicht gerade förderlich. Das war’s mit der Southerly, das war ihr Todesurteil. Schade, denn ansonsten sind das sehr schöne, durable Schiffe auf einem sehr hohen Qualitätsniveau.

Die ausgesprochen positive Überraschung lag allerdings gleich am Steg gegenüber: die Sirius. Eine betörende Bauqualität, ein ausgesprochen schickes Schiff, Stehhöhe und Stauraum ohne Ende und ein Niedergang, bei dem der Begriff „Nieder-“ völlig unangemessen ist. Man geht rein und nicht runter. Decksalon halt. Wieder für Laien: Eine Decksalon-Yacht110 zeichnet sich dadurch aus, dass die Polstersitzgruppe drinnen (auch Salon, manchmal auch Messe genannt – siehe Foto unten) auf gleicher Höhe liegt wie das Cockpit draußen. Sehr kommunikationsfördernd. Man kann zum Beispiel dem Kollegen, der draußen bei Windstärke 8 und Hagelschauern Ruder geht, regelmäßig mit einem Becher Kaffee aufmunternd zuwinken. Das fördert den Teamgeist ungemein. Diese Bauform bedingt ein erhöhtes Deckshaus, das dem Kaffee-Kollegen drinnen Luftraum und gleichzeitig dem Steuermann draußen ein bisschen Schutz gewährt, auf dass ihm der Hagelsturm schon gleich viel angenehmer vorkommt. Siehe Foto aus der Bauphase oben.

Wenn ich bis hierhin je ernsthaft in Erwägung gezogen hatte, KEINE Sirius zu kaufen – beim Betreten dieses Schiffes war’s vorbei mit mir. Selbst Sohnemann, der immer gegen diese Art Boot opponiert hatte (Rentnerschiffe!) ging voll ab. Höchstes handwerkliches Niveau, was man auch anfasste und wohin man auch schaute, gepaart mit Stil und Chique. 115

Und dann die Werftcrew. Torsten Schmidt, der Inhaber, saß sehr freundlich und sehr entspannt lächelnd im Cockpit und schaute seinen Besuchern beim Verlieben zu. Neben sich der Grund seiner Tiefenentspannung, eine aktuelle Ausgabe des englischen Segelmagazins Yachting Monthly mit dem Test der Sirius 35 DS, die größere Schwester der 310 DS. Headline auf dem Titel „is this the best yacht ever built?“. Wenn Engländer so über ein deutsches Schiff urteilen, kommt das einem maritimen Nobelpreis gleich. Was sich natürlich auch prompt in seinen Auftragsbüchern bemerkbar machte.

Und schlagartig wurde mir klar: eine Preisverhandlung mit dem Mann konnte ich mir sparen.

Qual der Wahl

Nachdem irgendwann die Phase der Informationssammlung vorbei war, begann die Auslese. Auch das ein schwieriger Prozess, aber ich will’s kurz machen. Übrig blieben:

Die Feeling 32 mit Integralkiel. feeling 32-2Eine relativ preiswerte Möglichkeit, ein flachgehendes Schiff zu kaufen. Allerdings hat die 32 einen entscheidenden Nachteil: zu wenig Stehhöhe. Bei einsachtzig ist Schluss, und das auch nur an bestimmten Stellen im Salon. Um mehr Platz über der Frisur zu erhalten, hätte man schon auf die 36, wahrscheinlich sogar auf die 39 ausweichen müssen. Für unsere Zwecke und Pläne allerdings zu groß. Und, ehrlich gesagt, nach den Testberichten in den einschlägigen und bekannten Segelmagazinen, hatte ich Zweifel an den Segeleigenschaften der 32.

Die Southerly 32. Lange Zeit meine Favoritin.Southerly 32 Die Southerly Yachten werden in Südengland produziert, haben mir schon immer gefallen und hatten von je her einen guten Ruf in der Segelszene. Qualitativ hochwertig und für die Ewigkeit gebaut, von Haus aus ebenfalls mit (hydraulischem) Schwenkkiel. Und was für die südenglischen Küstengewässer gebaut wird, kann kein schlechter Segler sein.

Die Sirius 310 DS, Sirius 310 DS, Bb-Ansichtdie erst sehr spät auf den Plan kam. Seit vielen Jahren hatte ich – in Phasen träumerischen Realitätsverlusts – die Vorgängerin, die Sirius 32, in heimlicher Beobachtung. Dies vor allem, nachdem mich die beste aller meiner Gattinen mal auf die Bootsaustellung in Düsseldorf begleitete und sich auf der 32 nach eigenen Angaben wohl und sicher fühlte. Das erhöhte Deckshauskonzept tat seine Wirkung. Dann kündigte Sirius die 310 DS an und – noch viel wichtiger – verschiedene Kielvarianten, unter anderem ein Schwenkkiel und eine Kimmkielversion. Von der kleinsten (310 DS) bis zur größten Baureihe (38) haben die Sirius-Yachten einen entscheidenden Vorteil: Platz! Platz in Form von Stehhöhe (überall mind. 1,90 m) und jede Menge Stauraum.

Ja, und da war dann noch der Kat. Ich bekam diesen Gedanke lange Zeit nicht aus dem Kopf. Das Objekt meiner Begierde war die Mahe 36 mahe 36von Fountain Pajot, eine französiche Werft in der Nähe von La Rochelle. Wer einmal das aufrechte Segeln kennen gelernt und die Bewegungsfreiheit an Bord genossen hat, der ist infiziert. Ich war infiziert. Aber passt so ein Gerät in die Ijsselmeerhäfen? Und passt es zu uns?

Das Problem war, diese Yachten besichtigen zu können, um nicht aus dem Prospekt heraus eine Kaufentscheidung treffen zu müssen. Die Hanseboot in Hamburg – wir sind mittlerweile im September 2010 – stand kurz bevor. Ich bin im Herbst immer sehr gern nach Hamburg gefahren. An mir hat es also nicht gelegen, aber leider hatte diese Herbstmesse für die Branche an Bedeutung verloren. Keines dieser vier Boote sollte in Hamburg gezeigt werden. Mehr beiläufig erfuhr ich dann von der Sirius Werft von der boatshow in Southampton. Die niegelnagelneue 310 DS würde dort ihre Weltpremiere feiern und es war mit Sicherheit anzunehmen, dass auch Southerly – und somit meine beiden Favoriten – dort vertreten sein würde. Eine Internetrecherche bestätigte diese Vermutung. Sogar Fountain Pajot würde eines seiner Schiffe dort zeigen, allerdings die eine Nummer größere Schwester der Mahe 36. Nur Feeling bleibt zuhause.

Stehhöhe heißt headroom  – also auf nach Southampton!

Zwischenruf 1

Ich frage mich: warum mach ich das? Warum schreibe ich öffentlich in Form eines Weblogs? Versuch einer oder mehrerer Antworten.

Ich schreibe gern. Manchmal sitze ich am PC und es läuft einfach so von zwischen den Ohren über die Finger in die Tastatur. Und direkt vom Monitor über die Augen wieder zurück. Und mir gefällt was ich lese. Es entsteht ein zufriedenstellender, ja beglückender Kreislauf, in dem ich alleine bin, aber nicht allein mit mir. Manchmal. Nicht immer. Hin und wieder muss ich schreiben und es läuft gar nichts.

Schreiben ist Aufräumen. Schreiben hilft mir, Bodennebel in meinem Hirn zu lichten und Gedanken eine Form zu geben, eine Form von Worten und Formulierungen. Schreiben konserviert aber auch Gedachtes und Erlebtes. Ok, ob das immer gut ist, ist zweifelhaft und eine Einzelfallentscheidung, aber das Allermeiste konserviere ich gern.

Wer schreibt, möchte auch gelesen werden. Mag sein, dass das nicht auf jeden zutrifft, aber auf mich trifft es zu. Es fällt mir schwer, mir einen Fotografen vorzustellen, der seine Ergebnisse nicht auch gern Andere sehen lässt und ein Feedback haben möchte. Ein positives wenn’s geht.

Das Internet ist eine geile Erfindung. Es ermöglicht den ‚Usern‘ nicht nur einen weltumfassenden Informationszugang, sondern auch wahrgenommen zu werden. Jeder kann seine Texte, Fotos, Angebote, ja sogar sich selbst ins Netz stellen und für jeden Anderen zugänglich machen. Ein Buch zu schreiben und einen Verleger zu finden wäre eine vergleichsweise viel größere Nummer. Gut, das ist die eine Seite. Vor der anderen warnen Datenschützer. In welchem Umfang sie Recht haben, kann ich nicht wirklich beurteilen. Tatsache aber ist, dass das Netz Teil unseres Lebens geworden ist, dessen Eigendynamik uns jedoch ab und an unheimlich ist. Wir lernen nicht mit ihm zu leben und es zu gestalten, wenn wir uns ihm auf Dauer verweigern. Nur der (kritische) Anwender praktiziert in diesem Sinne Mitbestimmung, was künftige Entwicklungen angeht. Verweigerer werden abgehängt werden.

Deshalb werde ich weiter vom Entstehen unserer ‚Rüm Hart‘ erzählen und freue mich über Feedback. Ich lade alle Leser ein, die Kommentar- und Gästebuchfunktionen zu nutzen. Anfang März ist Baubeginn, die Auslieferung Ende Juli. Und ich bin voller Vorfreude, Ungeduld und Spannung.

Liegeplatz

Ach ja, vergessen: der Mensch steht nicht nur, sondern hält sich ab und an und bei verschiedene Gelegenheiten auch mal in der Waagerechten auf. Also ergibt sich aus dem Wunsch nach nordischer Stehhöhe (diese Begrifflichkeit hat jetzt keinen Bezug zu den waagerechten Gelegenheiten!) auch automatisch die Beachtung der erforderlichen LLüa, die Liege-Länge über alles. Zwei Meter plus sollten es schon sein.

Also, des Seglers Wunschliste zusammengefasst:

  • 1 bis 4/5 Erwachsene
  • max. 10 Meter
  • Stehhöhe > 1,90 Meter
  • Kojenlänge > 2 Meter
  • variabler Tiefgang
  • Investsicherheit

Muss so ein Schiffchen tatsächlich erst noch erfunden werden?

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