Die Geschichte meines Seiltanzes beginnt um 14:00 Uhr. Genauer: gestern – Donnerstag – um 14:00 Uhr. Da lege ich nämlich in Baltrum ab. Herzlicher Abschied vom Hafenmeister-Pärchen, sie drückt mich sogar, und er versichert noch einmal, dass die angekündigten Sperrungen des Baltrum Wattfahrwassers für heute höchstens – wenn überhaupt – kurz sein könnten und vielleicht mal ne halbe Stunde Wartezeit erforderlich machen würden.
Tatsächlich geistert seit Tagen eine Mischung aus Vermutungen und Halbwissen durch die Segler- und Mobo-Szene. Als ich mich am vergangenen Montag in Norderney beim Hafenmeister abmelde, ist eine Mitarbeiterin gerade dabei eine Info der Firma TenneT über mögliche Sperrungen des Wattfahrwassers (Wfw) südlich Baltrum am Dienstag und Donnerstag in den Schaukasten zu hängen. Sie hat mir den Zettel nochmal kurz in die Kamera gehalten.
Also lege ich ab und fahre die vorgesehene Strecke des Baltrumer Wfws – unter Motor. Um 14:20 stehe ich am Beginn des Prickenweges. An dessen Ende und im weiteren nordöstlichen Verlauf, so im Bereich der Tonnen B 16 bis 22, sind riesige Kräne und Schwimmpontons zu sehen Über UKW Kanal 10, der von Tennet genutzt wird, bekomme ich mit, dass einige Sportboote freundlich aufgefordert werden, mal Platz zu machen. Um 14:30 entscheide ich mich, das offizielle Wfw zu verlassen und es quer über die „nasse Steppe“ zu probieren. Der Baltrumer Hafenmeister und meine eigene Kalkulation hatten mir versichert, dass das gehen sollte. Geht es auch. Ich will denen da oben im Nordosten der Strecke nicht unnötig in die Quere kommen. Außerdem will ich sowieso nach Süd-Ost, nach Accumersiel bzw. Dornumersiel. Also Kurs 95 bis 100° auf eine bestimmte Tonne zu, ab der ich wieder in tiefem Wasser bin.
Ich habe es meistens mit einer Wassertiefe von rund 2 m zu tun, als es um 14:45 unterm Schiff regelrecht knallt, begleitet von einem kurzen aber kräftigem Ruck, der durchs Boot geht. Der Tiefenmesser zeigt ungerührt 2 m an. Also hat da irgendwas im Wasser gelegen. In einem Binnenkanal hätte ich sofort auf ein entsorgtes Fahrrad oder einen Einkaufwagen getippt. Das Ereignis ist kurz und heftig, aber danach ist alles wieder völlig normal, volle Ruderwirkung, kein Leistungsverlust, keine Vibrationen.
Ok, ich sehe zu dass ich da weg komme, erreiche um 15:00 „meine“ Tonne AB6 und damit tiefes Wasser. Rechts abbiegen, und eine halbe Stunde später mache ich im Sportboothafen Accumersiel fest.

Eine Stunde später steht ein junger Mann bei mir am Boot und fragt mich, ob ich derjenige sei, der gerade von Westen kommend quer über das Watt gegangen wäre. Jau, sage ich das war ich. Ob mir irgendwas aufgefallen wäre … Und ob mir was aufgefallen ist – ich bitte ihn an Bord und beschreibe mein Erlebnis. Tja, sagt er, das war unser Zugseil, wir waren gerade dabei es quer durch das Watt zu ziehen, 900 m lang. Donnerwetter, mir fällt die Kinnlade runter, ein unter Wasser gespanntes Seil ist mir bislang noch nicht in die Quere gekommen.
Ich habe Fragen und stelle sie auch:
Erstens, warum funkt ihr mich nicht an und sagt mir, dass ich mich dort am falschen Platz befinde und auf Nordkurs gehen möge. Ihr müsst mich auf eurem AIS gesehen haben (meins war natürlich eingeschaltet, ist es immer noch, sonst hätte er mich hier im Hafen auch nicht gefunden) und auf eurem Radar auch. Die anderen Sportboote habt ihr ja auch angefunkt. Und meine Funke war sowohl auf Kanal 10 als auch auf 16 eingeschaltet.
Zweitens, warum informiert ihr nur über mögliche Sperrungen des Wfws und nicht über Behinderungen auf der gesamten Wattfläche, wenn ihr dort ein Seil quer drüberher zieht? Von Sperrungen des Dornumer Nacken oder des Dornumer Watt war nicht die Rede.
Na ja, das Gespäch ist freundlich und höflich. Wir tauschen die Kontaktdaten aus, ich bekomme nicht nur seine, sondern auch die seines Abteilungsleiters, und wir verabreden, dass jeder seine jeweilige Versicherung informiert. Da es sich nicht um ein Stahlseil, sondern nach der Aussage meines Besuchers um ein Polypropylenseil gehandelt hat, das außerdem auch nicht sehr stramm gespannt gezogen wurde, befürchte ich keinen großen Schaden. Wir vereinbaren, dass Rüm Hart am Ende meiner Reise, wenn ich wieder in Holland bin, aus dem Wasser gekrant und besichtigt wird.
Wenn ich das Ding in die Schraube bekommen hätte, wäre meine Reise zuende gewesen. Ich mach mir ein Bier auf.
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Man kann nur staunen
Als Kinder haben wir auch so Stolperseile gespannt 😎. Lieber Manfred, Tio, Toi, Toi bei solchen Beinstellern!