Ich mach mal einen fotolastigen Blogeintrag – könnte lang werden. Bilder sind besser als Worte und erfassen eine Geschichte meistens vollständiger. Obgleich gute Texte gute Bilder im Kopf entstehen lassen. Aber bevor es philosophisch wird, kurz zu den Fakten von gestern. Rechtzeitig bevor mir die Leinen am Steg von Greetsiel festwachsen, löse ich die tagelange Verbindung zu einem Verein und einem Städtchen, die mir beide für eine kurze Zeit fast sowas wie eine Ersatzheimat waren. Klingt ein bisschen schwül, ist aber tatsächlich und ganz nüchtern so und hängt vermutlich auch mit Sigrids Besuch an Bord zusammen. Also, Leinen los um viertel vor sieben. Leise schleiche ich mich von hinnen, will die Ruhe nicht stören. Die Landschaft links und rechts des Kanals (ca. eine halbe Std. Fahrtzeit) bis zur Schleuse ist wirklich schön, vor allem jetzt im ersten Morgenlicht.
Der Schleusenmeister ist sehr rücksichtsvoll. Da ich alleine bin und der Kammerhub immerhin 2,5 m beträgt, und weil ich auf dem Weg nach oben mein Schiff mit nur einer einzigen Leine bändigen kann, die auch noch ständig auf den nächst höheren Poller in der Schleusenwand umgelegt werden muss, lässt er das Wasser nur recht behutsam reinrauschen, so dass ich meinen Kahn mit ein bisschen Kraft, aber sicher an der Schleusenwand halten kann. Dann habe ich das Wattenmeer vor mir – rund 2 Std. vor Hochwasser.
Die Bantsbalje ist ein erstes Wattenhoch, also eine besonders flache Stelle. Eigentlich habe ich mit meinem Tiefgang ein Fenster von 9:11 bis 11:13 Uhr um es sicher zu passieren, bin aber schon um kurz vor 9 vor Ort. Tatsächlich gibt es auf der kurzen Strecke von ca. einer Seemeile zwei- oder dreimal leichte Grundberührungen, aber nix Schlimmes. Ich nehme stark Gas weg und schleiche mich mit leichten Kratzgeräuschen und zartem Ruckeln im Ruder vorwärts. Fühlt und hört sich nicht an wie Sand, sondern eher wie Muschelbänke. Nach 20 Minuten hab ich’s geschafft, bin wieder im tiefen Wasser.

Eigentlich hätte ich diese Strecke gar nicht fahren dürfen, sie schnibbelt ein Schutzgebiet. Aber erstens hatte mir der Hafenmeister in Greetsiel versichert, dass dort alle durchfahren, und das sei immer toleriert worden. Und zweitens wäre es mir ganz schön knapp geworden das Zeitfenster für das nächste Wattenhoch einzuhalten, wenn ich den deutlich längeren Umweg nach Westen hätte nehmen müssen. Wie zur Bestätigung sind noch ein weiterer Segler und eine Motoryacht auf derselben Route unterwegs. Und dann kommt mir auf eben dieser laut Karte verbotenen, aber sorgfältig betonnten Strecke auch noch dieser Kumpel entgegen (s. o.). Aber Fischer haben hier sowieso Sonderrechte.
Endlich kann ich vom West-Nordwest-Kurs mit (natürlich) kaltem Gegenwind auf einen Ostkurs abbiegen und habe den Prickenweg des „Memmert Fahrwassers“ vor mir, den ich schon damals, 2015, als ich auf dem Weg in die Ostsee war, gefahren bin. Ich folge brav den kurvenreich aufgestellten Bäumchen und verkneife mir um Neptuns Willen jede Abkürzung.

Im Gatt zwischen Juist und Norderney, dass ich zwangsläufig passieren muss, bekomme ich wieder mal einen auf die Mütze. Sehr kräftiger Wind aus NNW spornt eine beachtliche Welle zu noch mehr „Performance“ an. Windfinder, die nautische Wetter-App, spricht von rund 1,5 m signifikanter Wellenhöhe. Ich bin da skeptisch, so hoch ist sie glaube ich nicht. Wellenhöhen sind schwer zu schätzen, und man läuft Gefahr, dass schnell auch ein gewisser „Heldenfaktor“ mit reingeschummelt wird. Jedenfalls ruckelt, zuckelt und stampft es ein bisschen, aber bei weitem nicht so schlimm wie vor ein paar Tagen in der Emsmündung. Nach einer halben Stunde ist wieder einigermaßen Ruhe im Schiff und ich kann einen ersten fotografischen Blick auf Norderney erhaschen.
Noch schnell um die Südwest-Spitze der Insel, und dann habe ich die Hafeneinfahrt vor mir. 20 Seemeilen in rund 4,5 Std. inkl. der Schleusenzeit und der langsamen Kriecherei über die Muschelbänke dieser eindrucksvollen Welt. In der Marina finde ich einen schönen Platz in einer Box (mit Ausleger statt Heckpfählen) mit dem Bug in den Wind – und dem zu erwartenden Regen. Und ich ärgere mich wieder mal über die blöden Halbring-förmigen Ösen auf dem Steg zum Festmachen der Leinen. Man muss absteigen, um die Strippen da durchzufädeln. Da gehören richtige Klampen hin, damit man von Bord aus seine Leine drüber werfen kann. Ich – als Alleinunterhalter an Bord – bin froh, dass einer der Nachbarlieger angewetzt kommt und mir schnell hilft. So muss das sein. Aber ich habe offenbar mit meiner Platzwahl auch Pech, denn etwas später, beim Gang zum Hafenmeister, stelle ich fest, dass an der gesamten Steganlage diese Ösen eher in der Minderheit und mittlerweile durch stabile Klampen ersetzt worden sind. Dann wollen wir mal nicht so sein.
Der Hafenmeister ist ein launiger Typ und „erinnert sich noch genau“, dass ich am 10. April 2015 schon einmal hier war – nach Blick in seinen PC. Datenvorratsspeicherung nennt man sowas wohl. Ich zahle 65 € für 2 Nächte, inkl. Sanitärzugang, Wasser am Steg und Münzen für die Waschmaschine. Erstens muss ich morgen (also heute, Freitag) einen Waschtag einlegen, und hier gibt’s eine Laundry mit 3 Waschmaschinen und 3 Trockner. So viele brauche ich nicht, jeweils eine reicht mir. Und zweitens muss man nach dem Blick in die Apps der Wetterpropheten gar nicht weiterreden. Ich werde frühestens Sonntag, vielleicht auch erst Montag hier wieder wegkommen – und nachzahlen müssen.
Regen und – sorry – arschkalter Starkwind werden mir als permante Stolpersteine in den Weg nach Osten gelegt. Es ist zum Mäusemelken. Dabei sind die Zangspausen gar nicht das Schlimmste. Das Zermürbende ist die Temperatur. Abends im Salon ist es 18 bis 19 Grad warm, man kann es aushalten – mit dicken Socken und Jacke. Heute hatte ich einen netten Plausch mit meinem direkten Liegpatznachbarn an Backbord. Ein rüstiger 84jähriger Herr, der sich sein Schiff, einen 45 Jahre alter Oldtimer, gerade eben neu gekauft hat (allein dafür großen Respekt!). Und der erzählt mir, dass ihm die Kälte in den letzten Jahren mehr und mehr psychisch zusetze. Das sei früher komplett anders gewesen, und seiner Beobachtung nach sei eine gesteigertes Kälte-Störgefühl eine typische Altersentwicklung. Ich muss deutlich über Hundert sein.

An dieser Stelle kommt allerdings hinzu, dass ich mittlerweile meinen Dieselvorrat sehr im Auge behalte und die bedieselte Bordheizung schone. Ich habe noch ca. 25 Ltr. im Tank, weiß aber auch, dass meine Tankuhr unten rum nur sehr ungenau arbeitet. Ich könnte hier in N’ney tanken. Aber erstens nur mit ziemlichem Aufwand und nur an 3 Tagen die Woche. Und zweitens nur normalen Diesel. Am liebsten aber hätte ich gern GTL oder HVO100, beides synthetische Diesel, die es in Holland fast nur noch ausschließlich an den Bootstankstellen gibt. Außerdem laufen die Motoren mit dem Zeug deutlich leiser und ruhiger. Die gute Nachricht: in Accumersiel, südlich von Langeoog, gibt es eine Bootstankstelle, die GTL anbietet. Da will ich hin! Das sind aber noch 3 Teilstrecken. Also lasse ich derzeit die Bordheizung aus und begnüge mich mit meinem kleinen elektrischen Heizwürfel. Super Teil, erzwingt aber alle zwei Stunden einen Spurt zum Stromkasten auf dem Steg, um 1-Euro-Münzen in seinen hungrigen Schlund zu werfen. Natürlich immer bei Regen.
Notfalls schmeiße ich Weichei doch noch die Dieselheizung an und greife auf meine eiserne Reserve in Form von zwei 10-Ltr.-Kanistern zurück, die ganz unten in der Backskiste schlummern.
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