Ich muss zugeben, dass ich ein bisschen gezögert habe, den gestrigen Törn zu starten. Sorgen machte mir die prognostizierte Wellenhöhe von über 1 m. Nicht wegen der Höhe, die ist für Rüm Hart unkritisch. Mehr wegen ihrer „Tiefe“ – wenn ich es mal so ausdrücken darf. Wellen in flachen Gewässern können schnell zu Grundseen werden. Heißt: ihr Wellental ist so tief, dass Schiffe, besonders solche mit Kiel, also Segler, Bodenkontakt bekommen. Und sowas erfolgt nicht sanft und geplant, wie beim Trockenfallen, sondern unvermittelt und hart. Dabei hat es schon Kiele in den Rumpf gedrückt und Masten brechen lassen.
Aber schließlich lege ich doch ab, um 14:55 Uhr. Für die Passagen verschiedener Teilstrecken und Prickenwege muss ich unterschiedliche Zeitfenster in Deckung bringen und den Törn so „timen“, dass ich überall genügend Wassertiefe habe. Beinahe auf der gesamten Strecke werde ich Gegenstrom habe, was die Kalkulation der Bootsgeschwindigkeit etwas unsicher macht. Aber, um es kurz zu machen, nur im Gatt zwischen Norderney und Juist bekomme ich einen auf die Mütze, dort steht tatsächlich eine famose Welle, die Leben ins Schiff bringt. Sobald ich in der Abdeckung von Juist bin, also südlich der Insel, habe ich guten Schutz vor dem Nordwind und der ebenfalls von Nord anlaufenden Welle des Flutstroms. Alles weitere passt wie Popo auf Eimer. Der Höhepunkt meiner Törnplanung ist erreicht, als ich tatsächlich zu exakt der Zeit in den großen Borkumer Hafen einlaufe, die ich Sigrid zuhause vormittags noch in Ausicht gestellt hatte: 19:30 Uhr!
Der Hafen ist voll, man liegt schon in Dreier- und Viererpäckchen. Ein niederländisches Schiff kurvt ebenfalls suchend im großen Hafenbecken umher und macht schließlich an einer eigentlich nicht für Yachten gedachten Stelle fest. Ich warte, bis er seine Leinen sortiert hat und bitte dann längseits gehen zu dürfen. Der Skipper reagiert zunächst ungehalten und fordert mich auf, hinter ihm festzumachen. Dort hängt aber rot-weißes Flatterband (kennt jeder Skipper als Reservierungskennzeichnung des Hafenmeisters) und außerdem ein unübersehbares Schild, dass dieser Platz nur für Fischereifahrzeuge vorgesehen sei. Natürlich weigere ich mich, und schließlich nimmt er meine Leinen an und belegt sie auf seinem Boot. Kaum sind die Leinen provisorisch fest, wird es Zeit, meine unglaublichen Planungsqualitäten unter Beweis zu stellen, und ich schicke die übliche ich-bin-da-und-mir-geht-es-gut-Nachricht fix und ohne weitere Verzögerungen. Erst dann kümmere ich mich intensiver um Leinen, Springs und Fender, reiße mir eine Dose Grolsch auf und knufe mein mittlerweile trockenes Schnitzelbrötchen, das eigentlich für unterwegs vorgesehen war.
Ich rede mit meinem Gastgeber-Skipper und seinem Kumpel. Er taut prompt auf und erweist sich als freundlich und zugänglich. Die beiden erzählen mir von ihren Plänen: sie wollen von Borkum aus direkt nach Helgoland und dann weiter non-stop an die norwegische Südwestküste. Aber hallo! Respekt. Die beiden sind – geschätzt – knapp jünger als ich, vielleicht auch gleichaltrig. Ich bewundere ihre Fitness und den Mut.
Später macht dann doch noch ein Schiff an der von mir verschmähten Stelle fest – Verbot hin oder her -, und ne Stunde später noch ein zweites, das ebenfalls beim ersten ins Päckchen geht. Und heute Morgen nun, sehr früh um 6:30 gibt es lautes Getute und Getöse im Hafen. Ein Fischkutter läuft ein und beansprucht seinen reservierten Platz. Die Crews der beiden Schiffe erscheinen fluchend – teilweise in niedlicher Unnerbux – auf der Bildfläche, werfen ihre Diesel an und die Leinen los. Das was ich hier so schnell schreibe, dauert in Wirklichkeit eine gute halbe Stunde, während der Kutter ungeduldig rumkurvt und der Käpt’n aus seinem Steuerhäuschen schimpft. Ich stehe im Salon im offenen Niedergang (war eh auf, weil meine Päckchen-Gastgeber einen frühen Start angekündigt hatten) und freue mich schmunzelnd über meinen inneren Parteitag. Meine beiden neuen Freunde sagen nix, verabschieden sich freundlich und winkend, ich lege ab, sie auch, und ich parke wieder an dem nun freien Platz direkt an der Pier ein. Was übrigens äußerste Vorsicht erfordert, denn die ist in einem erbärmlichen Zustand.
Gut, jetzt bin ich also in Borkum, hatte in den letzten 24 Std. meine Erfolgserlebnisse – man muss sich auch mal selber feiern – und hoffe, dass das Glück mir gewogen bleibt. Heute Nachmittag ist gegen 13 Uhr Niedrigwasser, mit etwas Verzögerung wird sich die Strömungsrichtung der Ems ändern, so dass ich mich und mein Schiff gegen 14 Uhr in ihre Fluten werfen werde, die uns dann bis Delfzijl spülen sollen (ca. 25 Seemeilen). Mit Unterstützung des Diesels selbstverständlich. Ich hatte ja gehofft, beim letzten Törn in deutschen Gewässern nochmal segeln zu können, aber das wird nix werden. Zum Segeln braucht man Wind, und der hat sich für heute verpieselt.







