Es gibt ein bisschen was nachzutragen. Aktuell bin ich in Spiekeroog, die Sonne steht knapp über den Häuserdächern hier am Hafen und beleuchtet meinen Salon fast schon romantisch. Der Himmel rundum sieht hingegen eher dramatisch aus. Sonne durch die Seitenscheiben an Steuerbord, dunkelgraue Wolken und ein verhangener Himmel beim Blick nach links durch die Backbordfenster – ich traue dem Braten nicht. Aber möglicherweise hängt mir auch die letzte Nacht noch nach, und ich sehe meteorologische Gespenster.
Spiekeroog? Letzte Nacht? Damenbesuch? Okay, okay, starten wir in chronologischer Korrektheit vorne.

Die Tage in Horumersiel waren erholsam, unterhaltsam und schlicht schön. Kurz und gut: nettes und gemütliches Städtchen, toller gastgebender Segelverein, Klönstunde in Rüm Harts Cockpit mit Willem dem Hafenmeister und zwei Seglern, die ich bislang nur digital kannte. Am Dienstag bin ich angekommen, Mittwoch und Donnerstag geblieben und Freitag geht’s weiter nach Wangerooge. Zunächst gegen den Strom ein kleines Stück die Jade wieder runter (also Richtung Nord, Mündung), dann, südlich der Insel Minsener Oog, links ab ins Watt. Prickenwege – kennen wir ja schon. Kai, ein hier heimischer Segler, legt sich am Ostende von Wangerooge vor Anker und auf die Lauer und beweist, dass er mit der Kamera plus 600er Tele umgehen kann. Sicherlich 30 Fotos von Rüm Hart schickt er mir, und ich zeige mal eine kleine Handvoll. Danke, Kai!
Samstag genieße ich einen besonderen Inseltag. Durch einen glücklichen Zufall ergibt es sich, dass zwei Freundinnen mit drei weiteren, mir bislang nur teilweise und entfernt bekannten Mädels, ebenfalls hier sind. Natürlich wird ein Treffen arrangiert, und ich fahre mit dem Insel-„Schnellzug“ in den Ort, werde von den beiden schon am Bahnhof in Empfang und in den Arm genommen und mit zum Rest der Truppe entführt. Ich gebe gern zu, dass ich die Rolle des Hähnchens im Körbchen durchaus genieße und freue mich über die Plauderstunde bei Kaffee und Brötchen. Sogar eine komplette Packung Druckerpapier bekomme ich geschenkt (ihr wisst schon, für die Kartenberichtigungen).
Dann will ich doch wenigstens noch mal kurz in die „City“ und ins berühmte Café Pudding reinschauen. Es ist mittlerweile fast Mittag und sehr heiß. Die Luft scheint mir nicht gerade Sauerstoff-geschwängert zu sein, also bin ich ganz superschlau und leihe mir einen Fietsen gleich beim Bahnhof gegenüber. Wie lange? Eine dreiviertel Stunde??? Die resolute Fahrrad-Cheffin schaut zweifelnd an mir rauf und runter. Na gut, 5 Euro, und nimm das Rad, das vor der Tür steht. Sie schüttelt den Kopf, und 123 Meter später weiß ich auch warum. Ein strenges Schild verbietet ab hier das Fortbewegen mit Zweirädern aller Arten. Ich gucke mal wieder blöd und schiebe mein 5-Euro-Rad hoch zum weltbekannten Café. Selfie – und ich schiebe wieder zurück. Aber – Ha! – die letzten 123 Meter fahre ich wieder und schalte sogar in den zweiten Gang hoch. Ich bin mir sicher, die Radeldame schaut grinsend hinter mir her, nachdem ich den Schiebefietsen abgestellt habe.
Kaum wieder im Boot kommen erste Unwetterwarnungen rein. Von Sturm mit über 10 Beaufort in der kommenden Nacht und schweren Gewittern ist die Rede. Ich checke alle Leinen und Fender, bringe noch zusätzliche aus, baue mein Cockpitzelt ab und verriegele innen alle Schubladen und Schranktüren. Blaugraue Wolkengebirge bauen sich über den ganzen Himmel auf, die ab 1 Uhr in der Nacht ernst machen. Ja, Sturm gibt es auch, ob es 10 Beaufort sind weiß ich nicht. Aber Gewitter gibt es, wie ich noch keins erlebt habe. Heftige Blitze, Wetterleuchten in rasend schneller Folge. Rüm Harts Salon ist sekundenlang taghell beleuchtet. Donnerschläge wie übersteuert in Dolby Surround, nicht nur laut, sondern körperlich erschütternd und in unmittelbarer Folge auf die Blitze. Ich lege Handy und Laptop in den Backofen (Faradayscher Käfig), kann mich phasenweise im Salon kaum auf den Beinen halten. Zermürbend ist die Dauer des Infernos von 1 Uhr nachts bis in den frühen Morgen. Als habe jemand eine Unwetter-Glocke über uns gestülpt, die keine Macht der Welt in der Lage ist fortzunehmen. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es 5 Uhr oder 6 Uhr ist als ENDLICH Ruhe herrscht. Irgendwann bin ich wohl übermüdet und fertig mit der Welt eingeschlafen.
Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass es wunderbarerweise keine größeren Schäden im Hafen gegeben hat. Auch Rüm Hart zeigt nach einer Inspektion: war was? Ich bin erleichtert und bereite das Ablegen vor. Eine Insel weiter Richtung Westen, nach Spiekeroog, soll es gehen. Querung des Gatts zwischen Wangerooge und Spiekeroog und dann ein langer Prickenweg mit einem weiten Bogen nach Süden, fast bis zum Festland. Aber schließlich ist es nur ein relativ kurzer Weg von 10 Seemeilen. Eine schöne Vormittagstour in klarer Luft und Sonnenlicht von hinten, was die Pricken und Tonnen prima ausleuchtet.
In Spiekeroog erfahre ich noch beim Anlegen, dass die vergangene Unwetternacht hier noch heftiger war und durchaus Schäden verursacht hat. Zum Beispiel aus dem Steg gerissene Klampen und verbogene Fingerstege. Bei meinem Liegeplatznachbarn an Backbord ist der Mast runtergekommen und auf ein Plattbodenschiff gestürzt, das auf meinem jetzigen Platz lag. Gaffelbaum und Baum, beide von massiver Holz-Bauweise, sind glatt durchschlagen worden. Neptun sei Dank hat es keinerlei Personenschäden gegeben. Als Ursache wird eine nagelneue Fockpersenning vermutet, deren Reißverschluss auf voller Länge vom Sturm aufgerissen wurde, das Ding wie ein Segel wirken ließ und den Mast derart in Schwingungen und ins Pumpen brachte, dass der Mastfuß aus der Mastspur sprang. Jedenfalls ist er nicht gebrochen, und alle Wanten und Stagen sind noch unversehrt dran. Der Eigner erzählt mir, dass er den Verlust des Mastes zunächst gar nicht mitbekommen hatte, weil eh rundum ein infernalisches Getöse akustisch alles überlagerte. Aber irgendwann hat er durchs Fenster gesehen: der Mast ist nicht mehr da …
Es käme mir sehr gelegen, wenn die letzte Nacht eine einmalige Angelegenheit bliebe. So schnell muss ich sowas nicht wieder haben.
Das Schöne: der Hafen von Spikeroog gefällt mir. Hier passt alles, und ich habe vorhin entdeckt, dass es sogar Waschmaschine und Trockner gibt. Also lautet der Beschluss: morgen ist Waschtag.
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