Ich hab ein Resümee versprochen, überlege aber seit einer Woche – wenn ich ehrlich bin sogar schon viel länger, spätestens seit ich wieder auf den niederländischen Kanälen der Staande Mastroute unterwegs war – was das Fazit meiner Go East Reise denn überhaupt ist. Es gab so einiges zu sortieren, die Eindrücke waren halt zahlreich, und ich musste erstmal aufräumen da oben zwischen den Ohren. Aber nun, eine Woche nach meiner Rückkehr in den Heimathafen, drücke ich mich nicht länger und fange einfach mal an zu schreiben. Es wird mir schon was vom Oberstübchen über die Finger in die Tastatur laufen. Ist ja immer so.
Das Zögern hängt auch damit zusammen, dass ich für mich diese fast 3-monatige Soloreise nicht bewerten kann, ohne meine gesundheitlichen Einschränkungen zur Betrachtung freizugeben. Das will ich eigentlich gar nicht. Also, grundsätzlich schon, ich gehe sehr offen damit um, aber nicht ständig und in nerviger Frequenz. Aber COPD, Lungenemphyseme, ein Herz das höchstens und nur an guten Tagen Puls 120 schafft (trotz Schrittmacher), fast Einäugigkeit, Rot-Grün-Schwäche (Schwäche!, nicht Blindheit) und schließlich zwei Nierenkrebs-OP im letzten Herbst und Winter sind Fakten, die eine solche Reise zwangsläufig mitgestalten und nun mal mit an Bord sind, ob ich will oder nicht.
Das äußerst sich ganz praktisch in notwendigen Pausentagen, also Hafentagen. Und die hatte ich reichlich. Von den 81 Tagen Reisegesamtdauer kam ich immerhin auf 48 Hafentage, hatte nach Adam dem Riesen also gerade mal 33 Unterwegstage. Allerdings war der Großteil der Hafentage meteorologisch erzwungen. Heißt: Starkwind, Sturm oder heftiger Regen, gern auch alles zusammen. Norderney hat dabei den Vogel abgeschossen: auf dem Hinweg 4 Tage und auf dem Rückweg ganze 8 Tage wetterbedingte Gefangenschaft. – ausgerechnet im teuersten Hafen der gesamten Reise. Nach einer Retro-Durchsicht meines Logbuchs kann ich zusammenfassen, dass mindestens dreiviertel der Hafentage auf das Wetterkonto gehen und höchstens ein Viertel touristisch begründet ist. Natürlich sind die Grenzen fließend, auch manche Starkwindtage habe ich als Tourist genutzt, mich z. B. auf mein Rad geschwungen und die Gegend erkundet. Aber es gab auch solche, an denen ich wirklich nicht von Bord gekommen bin und mich einer erholsamen Faulheit hingegeben habe. Was bei Regen und Sturm eine eigene Herrlichkeit hat.
Entlarvend ist auch der Blick auf die Motorstunden: 125,7 sind auf der kompletten Reise zusammengekommen, bei 632 Seemeilen Gesamtdistanz. Pro Tag, an dem ich wirklich unterwegs war, habe ich also durchschnittlich rund 19 Seemeilen zurückgelegt und hatte 3,8 Motorstunden. Der Segler weiß: da bleiben nicht mehr viele Segelstunden übrig. Die 19 Seemeilen schafft man unter Motor in fast 4 Stunden, ohne überhaupt zu segeln. Man muss allerdings dazu sagen, dass auf einigen Strecken zwar gesegelt wurde, der Jockel aber trotzdem mitlief. Etwa bei der groben Dünung auf dem Weg von Helgoland nach Cuxhaven, um das Schiff zu stabilisieren. Oder um die Ruderwirkung etwas zu erhöhen und dem Autopiloten den Job zu erleichtern (z. B. bei den heftigen Kreuzseen in der äußersten Emsmündung). Die längsten Tagesstrecken waren übrigens von Lauwersoog nach Borkum (49 Seemeilen, Kreuzkurs), von Langeoog nach Helgoland (33, komplett unter Motor weil null-Komma-null Wind), von Helgoland nach Cuxhaven (39) und auf dem Rückweg der Reise von Cuxhaven nach Horumersiel in der Jademündung (39).

Dass ich im Watt das Segeln vergessen kann, war die erste Lektion noch in der niederländischen Waddenzee. Gerade dort, denn die Wassertiefen sind deutlich knapper als im deutschen Watt. Als durchschnittlichen Tidenhub kalkulieren die Niederländer mit rund 3 m, weiter östlich, im ostfriesichen Watt, wird hingegen mit grob 4 m kalkuliert. Das ist aber gar nicht das Problem, sondern viel mehr die Kleinteiligkeit des Reviers, die komplexe Streckenführung der Wattfahrwasser und meine Revierunkenntnis, die mich davon abhielt, die betonnten und beprickten Wege zu verlassen, einfach mal abzukürzen und ne halbe Stunde geradeaus zu fahren (was ich z. B. auf der Osterems dennoch mal gemacht habe, mit null Risiko). Ich habe es schon beschrieben, wiederhole es aber hier passenderweise gern. Nicht selten war es so: linke Hand an der Pinne, rechte am Gashebel, der Blick permanent wechselnd zwischen dem Lot (Tiefenmesser) und der umgebenden Wasserfläche um die nächste und am besten gleich noch die übernächste Tonne zu finden. Die Seekarte auf den Knieen, den Bleistift zum Abhaken der passierten Tonnen daneben, Wassertiefe 1,5 dann 1,4 und schießlich 1,3 m (bei 1,25 m Rüm Hart’schem Tiefgang). Gas weg, rückwärts-Gas, Fahrt rausnehmen, Anspannung, laaaangsam weiter, geschafft, wieder 1,5 m. … Dabei segelst du nicht, nicht als Solist an Bord, ich nicht.

Grundsätzlich haben mir die Wattennavigation und die Törnvorbereitungen und -planungen viel Spaß gemacht. Das ist durchaus meine Welt, und größere Fehler blieben mir erspart. Meine Planungen waren genau und haben hingehauen. Eine große Unterstützung war mir dabei übrigens die niederländische App QuickTide, die mittlerweile – und das war für mich neu – das komplette deutsche Watt bis Wangerooge mit einbezieht. Mit dem Erfolgserlebnis kommt die Freude, und schließlich habe ich die Navigation als sportliche Herausforderung gesehen. War ja auch eine. Bei der praktischen Umsetzung der Planung in die tatsächliche Fahrt war mir übrigens die Papier-Seekarte eine wesentliche und wie ich finde auch unverzichtbare Hilfe. Die Übersichtlichkeit ist unvergleichlich besser und für die Detailansichten muss ich nicht reinzoomen, sondern höchstens mal eine Lupe zur Hilfe nehmen. Ein bisschen erschrocken habe ich festgestellt, dass die Darstellung von Tonnen, sagen wir mal beispielsweise rote und grüne Fahrwassertonnen, auf meinem Plotter stark von der Zoomstufe abhängig ist. Ok, das ist bekannt (seit ein berühmter Kollege mal während einer round-the-world-Regatta wegen der falschen Zoomstufe seiner Plotter eine komplette Insel übersehen hat, draufgebrettert ist und einen Totalschaden verursacht hat). Dass aber zum Beispiel die rote Tonne ab einer bestimmten Zoomstufe dargestellt wird, ihre grüne Kollegin aber erst nach weiterem, noch tieferem Reinzoomen, das war mir neu, und das finde ich erschreckend. Ich weiß, dass die Papier-Seekarte ein Auslaufmodell ist. Aber gefallen tut mir das nicht.

An dieser Stelle lasse ich mal einen Tipp für Schicksalsgenossen von der Leine, die ebenfalls ihre Probleme mit Grün und Rot haben. Was ja gerade bei der Kartenarbeit oft ein echtes Hinternis ist. Mir hilft eine Lupe mit hell-weißer LED-Beleuchtung. Außerdem gibt es eine Brille, die per Farbfilter wirklich erfolgreich eine Rot-Grün-Schwäche ausgleichen kann (meine ist von der niederländischen Firma Colordrop). Das haut natürlich nicht bei kompletter Farbenblindheit hin, aber bei Farbschwäche sehr wohl. Jedenfalls bei mir. Toll wäre eine Lupe mit solchen Farbfiltern. Aber sowas habe ich noch nicht gefunden. An Deck hingegen, wenn es wirklich um die Idenfikation von realen Tonnen geht, ist ein sehr gutes, nämlich helles und klares Fernglas das Mittel zur Hilfe.
Im Watt gilt ansonsten: Augapfelnavigation. Vergiss den Plotter, nimm die Seekarte als Orientierung, aber richte deinen Kurs ausschließlich nach den Tonnen und Pricken, die du vor dir siehst. Plotter und Seekarte können dir einen Hinweis liefern, wo die nächste ungefähr sein soll – Betonung auf „soll“! Aber die Realität kann ganz anders sein. Das Watt ändert sich an vielen Stellen mit einer unglaublichen Rasanz, und manchmal kommen die Jungs und Mädels von den Wasser- und Schifffahrtsämtern gar nicht so schnell mit der Standortkorrektur der ausgelegten Seezeichen hinterher. Aber sie sind immer noch deutlich fixer als die Seekartenverlage mit der Berichtigung ihrer Karten – egal ob Papier oder digital.
Ja, die Navigation im Watt erfordert gute Vorbereitung, Konzentration und Genauigkeit – jedenfalls vom einhand segelnden Revierneuling. Der alte Hase wird müde lächeln und mit seinem mittlerweile gut entwickelten Bauchgefühl einfach losfahren. Über die Jahre und Jahrzehnte im Watt sind er und seine Häsin auch beim richtigen Schiff mit Schwert oder Schwenkkiel angekommen, können den Tiefgang auf 50 cm reduzieren und locker über die Flachs hinwegrutschen. Rüm Hart jedoch hat 1,25 m Tiefgang und die auch nur bei aufrechter Schwimmlage. Sobald Krängung hinzukommt – und wenn Segel erstmal oben sind, ist es vorbei mit aufrechter Schwimmlage – erhöht sich der Tiefgang, weil einer der beiden Kiele (der leewärtige) sich tiefer ins Wasser streckt. Dann sind schnell auch 1,4 m erreicht. Wenn man das aber alles verinnerlicht hat und es auch in gute Praxis umsetzen kann, dann sind Reisen im Watt eine tolle Sache. Kurze, überschaubare Tagesstrecken und ein flottes Vorwärtskommen, weil man in der Regel mit dem Strom unterweges sein wird. Hier schließt sich der Kreis, denn genau das, das Kurzstreckensegeln, kam mir persönlich sehr entgegen. Vor allem gepaart mit den erwähnten Ruhe- und Hafentagen. Letztere vor allem nach den doch hin und wieder mal notwendigen längeren Strecken. Nur nach der Tagestour von Lauwersoog nach Borkum bin ich sofort am nächsten Tag weiter nach Greetsiel und hab die Erholungstage nach dorthin verlegt (was Sigrid Gelegenheit zu einem Besuch an Bord gab, Lingen – Greetsiel: ca. 2 Autostunden).
Okay, verlassen wir die Navigation und kommen zur Frage: was hat mir das Solistenleben an Bord erleichtert? Ganz oben an steht mein Bord-Bike, mein kleines Faltrad. Das Ding war und ist wirklich eine Freude. Leicht beim Tragen, easy zu fahren und gut an Bord zu verstauen. Ich habe es hier im Blog ja schon vorgestellt und muss nicht alles wiederholen. Wer es sich anschauen möchte, nutze diesen LINK und scrolle auf der sich öffnenden Seite ein bisschen runter.

Ganz wichtig war und ist für mich das Blog-Schreiben. Schreiben hilft die Denkzentrale zu sortieren und aufzuräumen. Und es ist natürlich so auch eine schöne Erinnerung entstanden, die sich immer mal wieder nachlesen lässt. In insgesamt 36 Beiträgen habe ich von Anfang Mai bis vor einer Woche über meine Reise und Erlebnisse reportiert. Wer es tatsächlich nachlesen möchte: HIER geht’s los, und unter jedem Beitrag findet sich ein Link zum nächsten bzw. auch zum vorherigen.

Dazu gehören auch die vielen Fotos, die ich unterwegs gemacht, abends dann bearbeitet und in meine Berichte eingebaut habe. Natürlich sind viele mit dem Handy entstanden. Aber ich hatte auch die „große“ Kamera dabei. Die Erfahrung ist jedoch, dass deren Einsatz sich meistens auf regelrechte Fotoexkursionen (per Bike) beschränkte, während die Unterwegs- bzw. an-Bord-Fotos in der Regel mit dem Smartphone entstanden sind. Man hat / ich hatte unterwegs einfach zu selten die Zeit für ausgiebiges Fotografieren. Es musste schnell gehen, und dann ist das Handy einfach unkomplizierter. Andererseits habe ich für genussvolles Fotografieren, mit Zeit und Muße für die Bildgestaltung, immer wieder die Kamera genutzt. Auf’s Rad, Rucksack auf dem Rücken, Kamera am Trageriemen um Hals und Schulter, und dann ging’s los. Auf ein Stativ habe ich verzichtet, das war mir zu sperrig.
Die abschließende Frage: was ist schief gelaufen, was wäre besser gewesen? Ziemlich schief gelaufen ist das Wetter. In den ersten zwei oder gar drei Wochen saukalter Wind aus – natürlich – Ost, also Gegenwind. Viele Starkwindtage oft mit Regen. Lässt sich das ändern? Nein! Punkt. Was wäre besser gewesen? Eine andere Betonung in der Revierauswahl. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass die Elbe ein (für mich) überraschend schönes, abwechslungsreiches und interessantes Revier ist, für das ich gern mehr Zeit gehabt hätte. Gäbe es ein nächstes Mal, dann würde ich mir die Wattengebiete nur auf dem Hin- oder Rückweg vornehmen, je nach Wetter und Windrichtung, und mir für die Elbe zwei Wochen mehr Zeit lassen. Wenn man akzeptiert, dass es auch Industrie an ihren Ufern gibt, ist die Elbe landschaftlich wirklich schön. Vor allem ihre Nebenflüsse und Seitenarme, von denen ich eigentlich zu wenig gesehen habe.
Das alles verhindert aber nicht, dass ich mit mir und meiner Reise zufrieden bin. Sie hat mir Selbstbewusstsein gegeben, und zwar in dem Sinne, dass ich eine Einordnung habe, was ich seglerisch noch leisten kann und noch drauf habe. Das war mir nach der schweren Gesundheitskrise im letzten Herbst und Winter ein echtes Anliegen. Ich habe Antworten bekommen. Dass ich es überhaupt bis Hamburg geschafft habe, finde ich schon ganz gut, es war alles andere als selbstverständlich.

Natürlich drängt sich ein Vergleich mit meiner Solotour von vor 11 Jahren auf. Es war 2015, als ich von April bis Oktober, etwas mehr als 6 Monate, weitestgehend allein von Papenburg nach Turku (Finnland) und zurück gesegelt bin. Also Ostsee. Der Unterschied: 11 Jahre, genauer: 11 Lebensjahre. Ich mache es kurz: Die Ostseereise war eine echte Erholung (nach einem sehr intensiven und aufreibenden Arbeitsleben). Die aktuelle Nordseereise war im Vergleich dazu weniger Erholung, aber eine sehr viel größere Herausforderung und Anstrengung. Die Ostseereise würde ich sofort noch einmal machen. Die Nordseereise nicht. Ich bin aber sehr froh, DASS ich sie gemacht und ein bisschen stolz, dass ich sie geschafft habe und ohne Schäden an Boot, Leib und Seele zurückgekommen bin.
Eine große Rolle spielt dabei das Schiff, meine Rüm Hart. Sie ist für mich und auch für Sigrid zu einem – und ich gebrauche diesen Begriff gern – zu einem Kokon geworden. Ein Ort des absoluten Sicherheitsgefühls. Das bringt es wohl am besten auf den Punkt.
Zum Schluss ein dickes DANKESCHÖN an alle, die meine Reise verfolgt und gelegentlich auch mal kommentiert haben. Danke für die digitalen Grüße und das Schulterklopfen, für die Mails und die Aufmunterungen, die mich auf allen möglichen Wegen erreicht haben. Danke an alle Foristen im Segeln-Forum, die mir immer mal wieder mit Revierinfos und dem einen oder anderen Rat weitergeholfen haben. Einige habe ich ja unterwegs leibhaftig getroffen, und es war äußerst spannend zu erleben, wer hinter „Kasimir“ oder „Rolf46“ steckt. Aber das größte Dankeschön habe ich Sigrid gesagt. Es ist toll, aber alles andere als selbstverständlich, dass sie mich für 3 Monate von der Leine gelassen und mich sehr unterstützt hat. Ich kenne nicht viele, die ihrem Lebenspartner – ob männlich oder weiblich – so viele Freiheiten lassen würden.
Es geht mir gut – in vielen Dingen und Belangen.
PS: Sorry für die Ausführlichkeit. Vielleicht hätte ich euch sagen sollen, dass wir mit Reinhard Meys „… dauert eine Zigarette“ nicht ganz hinkommen 😁
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Herzlichen Dank für Deine Bereitschaft…und Könnerschaft Deine Leser an Deinen Reisen,Eindrücken und Emotionen schon so lange Zeit teilhaben zu lassen!
Auch der gerade zu Ende gegangene Törn-für mich wunderbar-reportiert und auch treffend bebildert : Chapeau !
Danke für die ehrlichen Worte
Sehr schön, Manfred!
Eine tolle Reise, launige und interessante Blogbeiträge und ein gelungenes Résumé. Viele dieser Gedanken kann ich nachvollziehen, gerade beim Thema Blog schreiben geht es mir völlig ähnlich: Es ordnet die Erinnerungen, konserviert sie und es macht Spaß, das Spiel mit Worten ab und an mal so hinzubekommen, dass man mit dem Ergebnis rundum zufrieden ist.
Dir gelingt das immer wieder vortrefflich, besten Dank dafür!