Ich muss noch von vorgestern, also von Montag, erzählen. Gleich mit der ersten Brückenöffnung um 9:00 Uhr lege ich in Dokkum ab. Es ist Routine, dass ich kurz vorm Ablegen das Logbuch vorbereite. Wetter, Barometheranzeige, Diesel- und Wasservorrat. Wasser noch 14% (100% = 170 Ltr.) und Diesel steht bei 30 % (100% = 100 Ltr). Damit sollte ich auf jeden Fall bis zum Tagesziel Leeuwarden kommen. Die Fahrt durch Friesland ist wirklich schön, ich mag die Landschaft und den weiten Blick. Dann kommt Leeuwarden in Sicht. Zunächst die üblichen tollen Häuser am Kanalufer, dann die Stadt selber. Mit Hochhäusern, jede Menge Autoverkehr und Lärm. Hm, eigentlich will ich das nicht. Es ist auch erst 13 Uhr, man könnte ja gleich bis Grou durchfahren.
Keine Ahnung was mich dabei treibt, aber vor der Entscheidung werfe ich noch schnell einen Blick auf die Füllstandsanzeigen. Wasser 0% (!) und Diesel gerade mal 8%. Ich weiß, dass meine Tankuhren unten rum ziemlich ungenau sind, aber solche Sprünge hab ich bislang noch nicht beobachtet. Nur, was stimmt nun? Habe ich wirklich leere Tanks? Egal, bevor ich weiterfahre muss ich erst beides, Wasser und Diesel, tanken.
Durch Leeuwarden führt ein wirklich schöner Kanal mit üppigem und hohem Baumbestand links und rechts. Ähnlich wie in Dokkum darf und kann man hier überall festmachen, und es gibt sogar eine passende Infrastruktur in Form von Strom- und gelegentlichen Wassertanksäulen.
Eine solche entdecke ich nach der nächsten Kurve an meiner Uferseite. Davor liegt eine Motoryacht, hat den angebotenen, langen Schlauch ausgerollt und bunkert Wasser. Aber gleich dahinter ist noch ein Platz frei. Ich lege an und vergesse dabei, den Blick, um gutes Gelingen bittend, gen Himmel zu erheben. Hätte ich es getan, wäre ich nicht überrascht, dass mein Rigg, also Mast, Wanten und Stage, ab halber Höhe in den Bäumen verschwindet und trockenes Grünzeug auf mich herabregnen lässt. Seufz, das Rigg ist stabil, das kann es ab. Ich beginne zu warten, dass mein Vordermann seinen Kahn gefüllt hat. Es dauert 20 Minuten, es dauert eine halbe Stunde. Ich weiß mittlerweile, dass es sich um ein ziemlich älteres Pärchen handelt, beide nicht mehr gut zu Fuß. Das Wasser ist kostenlos, aber man bekommt auf einmaliges Drücken eines Startknopfes nur eine sehr begrenzte Litermenge, ich vermute 30 Liter.
Mylady hat den Knopfdrücker-Job. Sie nimmt die Sache ernst, steigt sehr vorsichtig und in altersgerechtem Tempo – was wirklich völlig in Ordnung ist, ich will das gar nicht negieren – von ihrem Boot, kommt langsam und mit jedem Schritt den Untergrund auf Standhaftigkeit prüfend, zur Wassersäule, drückt den Knopf und schreitet in der gleichen Manier wieder die 50 m zurück zum Schiff. Klettert rauf, klettert nach 3 Minuten wieder runter und beginnt den Prozess von vorn. Nach einer dreiviertel Stunde gehe ich mal nachfragen, ob ich helfen könne (Knof drücken), wie denn so der Stand der Dinge ist, und ob ich vielleicht noch vor Sonnenuntergang … Ok, egal, jedenfalls erfahre ich bei diesem Gespräch, dass die armen Leute über 1.000 Liter Wasser fassen können und wollen. Mir fällt die Kinnlade runter, solche Mengen vermutet man eher auf der Queen Mary, aber nicht auf einem 13 oder 14 Meter Stahlschiff holländischer Bauart. Wo lassen die die bloß?!
Kurz und gut: ich lege nach einer Stunde entnervt wieder ab. Was ich damit auslöse, könnte man als schlagartige Decks- und Dachbegrünung, vielleicht noch als green fall bezeichnen. Mit Befreiung des oben umklammerten Mastes prasselt es nur so herab. Zwei Sekunden später ist mein Boot komplett mit Grünzeugs alles Art und bis zu 20 cm Länge eingesegnet. Natürlich habe ich die Salontür und das Schiebeluk offen und freue mich wahnsinnig über die biologische Vielfalt, die ich nun als dicken Teppich im Salon, Cockpit und auf dem kompletten Deck liegen habe. Ich schaue genauer hin, aber nein, Eichhörnchen sind nicht dabei.
Mittlerweile habe ich in der Literatur rausgefunden, dass es im Osten Leeuwardens erstens einen Yachthafen, zweitens eine Diesel-Bunkerstation und drittens Wasser gibt. Das ist zwar eine ziemliche Strecke zu fahren, weil man einmal im Bogen um die ganze Stadt herum muss, aber es wäre spätestens morgen eh mein Weg, wenn ich weiter nach Grou will.
Um 15:40 biege ich schließlich nach links ab in einen Nebenkanal, an dessen Ende die versprochenen Glückseligkeiten in einem Industrie- und Gewerbegebiet zu finden sein sollen. Zunächst aber muss noch eine Hubbrücke passiert werden. Der Brückenwärter lässt mich 5 Minuten warten, dann bekomme ich rot-grün, die Brücke öffnet sich, und als die Ampel grün zeigt, bin ich längst durchgesaust (macht man so in Holland). Tatsächlich finde ich nach vielleicht einem Kilometer, kurz vor der nächsten Brücke, die beschriebene Bunkerstation für Diesel und Wasser.

16:10 Uhr, endlich habe ich wieder Stoff in den Tanks, lege ab, fahre auf die Brücke zu und sehe … doppel-rot!. Ach ja, die Nachmittags-Kaffeepause, ganz vergessen. Ich schaue mal im Almanach nach, und sofort fällt mir selbiger aus der Hand. Ich fasse es nicht, die machen tatsächlich von 16 bis 18 Uhr(!) Pause. Wenn ich hier aber nach 18 Uhr noch durchfahre, komme ich mit den weiteren Brücken auf der Reststrecke bis Grou in knubb, die um 19 Uhr Feierbabend machen. Heißt: Ich bin gefangen, darf mir jetzt einen Platz für die Nacht in dieser „Idylle“ suchen.
Zurück. Da war doch ein Yachthafen schräg gegenüber der Tanke und direkt vor der zweiten Brücke. Richtig, allerdings sieht der etwas komisch aus, hat zum Beispiel mehrere Zufahrten, jeweils vom Kanal aus links rein. Ich linse in die ersten rein und sehe: eine Brücke und nur Motorboote und Wohnmobile. Weiter, nächste Einfahrt – mit demselben Ergebnis. Es scheint keine Einfahrt für Segelboot mit stehendem Mast zu geben. Ich probiere die letzte Zufahrt kurz vor der zweiten Brücke über den Kanal. Dito, exakt das selbe Ergebnis. Rüm Hart bekommt rückwärts-Gas und fährt willig der Pinne folgend wieder raus, im Bogen mit dem Heck bis knapp vor die zweite Brücke. In der Sekunde, als ich den Schalthebel auf vorwärts lege, um zu verhindern, dass wir achtern mit derm Bauwerk kollidieren, ballert völlig unverhofft und wie aus dem Nichts ein Zug 10 m hinter mir durch. 600 km/h mindestens. Ok, gefühlt. 120 bis 140 vermutlich in Echtigkeit. Ich hab mich jedenfalls lange nicht mehr so erschreckt wie in dieser Sekunde und bin meinem Herzschrittmacher auf ewig dankbar, dass er seinen Job völlig ungerührt ohne jede Unterbrechung erledigt. Ich weiß jedenfalls jetzt, dass er nicht lärmempfindlich ist.

In Absprache mit dem Hafenmeister darf ich an der Außenpier festmachen und bleibe für die Nacht. Sobald die Leinen fest sind und die Fender richtig hängen, setze ich mich an den Salontisch, um die Logbucheintragungen für heute abszuschließen. Neben dem Kulli liegt was, was da nicht hingehört, aber keine größere Symbolik für diesen Tag haben könnte. Mein Schutzengel im Glas, den mir bei Antritt meiner Hamburg-Reise meine liebe Nachbarin geschenkt hat, ist abgestürzt und liegt – Gott sei Dank unbeschädigt – auf dem Salontisch. Nix kaputt, alles heile. Ich fixiere ihn wieder an seinem Stammplatz oben an der Holzstütze knapp unterm Dach. Da hat er den besten Überblick. Ich hoffe dass er nur diesen einen schlechten Tag gehabt hat und nur noch ein paar wenige weitere durchhält.
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