Tatsächlich, die Welt ist grau, seit Tagen. Es ist wohl auch ein mentaler Filter, der keine Farben mehr zu mir durchlässt. Das Gefangenendasein hier auf Norderney ist auch nicht einfach auszuhalten. Gestern vor einer Woche bin ich hier angekommen, hab mich wohlgefühlt und war zufrieden mit mir und der Welt. Es war, mit Blick in die Wetter-Apps, klar, dass das hier ein bisschen dauern würde. Was mir – unter uns – nicht unwillkommen war, ich konnte eine Ruhephase durchaus gebrauchen. Starkwind mit entsprechender Wellenhöhe ließ erst gar keinen Gedanken auf baldige Weiterreise aufkommen. In den ersten Tagen war es ja noch sonnig – stürmisch, aber sonnig. Das änderte sich nach wenigen Tagen, dann war es nur noch stürmisch. Keine Sonne – keine Farben. So zumindest der Gemütszustand eines inhaftierten Skippers.
Okay okay, ich übertreibe mal wieder total. Die Wahrheit ist, dass ich gute Antidepressiva zur Hand habe. Vor allem in Form meines Bord-Bikes. Das parkt – wie ihr ja schon gesehen habt – nächtens auf meinem Vordeck, aber morgens lasse ich es auf den Steg runter, schwinge mich drauf und mache meine Touren in den Ort, zum Nordstrand oder fahre einfach so planlos durch die Gegend. Was fast am schönsten ist./
Gestern zum Beispiel habe ich tatsächlich auswärts gefrühstückt. Ich bin zum Nordstrand gefahren. Dort gibt es das Surf-Café. Die haben, wie ich jetzt weiß, leckere und frische Brötchen und einen guten Kaffee. Wirklich prima, und gar nicht so teuer. Dort sind auch diese Fotos in Mitleid-erregendem Grau entstanden 😁.
Wenn ich hier so durch die Gegend sause, dann erzeugt das bei meinen Mitmenschen genau zwei mögliche Reaktionen: entweder sie schmunzeln, weil ich Volumenteddy wohl ein lustiges Bild auf meinem Minibike abgebe, oder sie sind kurz vorm Herzkasper, weil ich bremse. Dabei – beim Bremsen – schreit mein Rad nämlich sehr laut, sehr schrill und gequält auf. Zuerst war es ja nur ein Bremsenquietschen, wie man es oft bei Fahrrädern hört. Mittlerweile jedoch wäre quietschen viel zu harmlos formuliert. Es schreit wie bei einer dentalen Wurzelbehandlung ohne Betäubung. Soweit die mittlerweile wirklich belästigende Situation. Als ich nun gestern nach dem Frühstück so durch den Ort radele, läuft mir doch „Rad Toni“ über den Weg. Ein Bike-Shop mit Werkstatt. Die Tür steht offen, ich biege ab und bremse im Laden demonstrativ und für alle Norderneyer unüberhörbar. Nette und freundliche Beratung durch die Chefin, Rad dalassen, Leihfarrad mitnehmen, und jetzt gerade eben, in diesem Moment, ruft mich der Mechaniker an und teilt mir mit, dass mein Faltrad fertig sei und fortan ein stummer Diener seines Herrn wäre – auch beim Bremsen.
Also werde ich jetzt aufhören zu schreiben und mich auf das Leihrad schwingen, dessen Stattelstütze übrigens nach 100 Metern komplett in sich zusammengesackt ist, was ebenfall ein bescheuertes Bild abgibt. Die Norderneyer werden mich in schlechter Erinnerung behalten.
Die beste Info aber habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben: heute Morgen werde ich von hellem Sonnenlicht durch meine Dachluke geweckt. Beim ersten Tee zeigt sich der Himmel fast durchgängig blau, und der Wind hat deutlich nachgelassen. Das einzige Problem ist noch die prognostizierte signifikante Wellenhöhe im Gatt zwischen Norderney und Juist. Gestern waren es 1,8 m, heute noch 1,1 m und morgen sollen es nur noch 0,8 m und weniger sein. Dabei handelt es sich um den Durchschnitt des oberen Drittels. Heißt: es sind auch deutlich höhere unterwegs. Da ich ca. 2 bis 3 Stunden nach Niedrigwasser los muss, im Gatt, aber auch im weiteren Verlauf der Strecke, einige Flachs zu überqueren habe und Revierneuling bin, bleibe ich heute noch hier. Aber morgen Nachmittag werde ich die Leinen endlich loswerfen und hoffentlich am Abend wohlbehalten das Memmert und auch das Borkumer Wattfahrwasser geschafft haben und in den Borkumer Port Henry einlaufen. Diese Entscheidung habe ich übrigens nach einem wirklich guten Gespräch mit einem kompetenten jungen Mann vom DGzRS Rettungskreuzer Eugen, der hier im Hafen stationiert ist, getroffen. Eine kleine Spende ins Sammelschiffchen war anschließend natürlich willkommene Pflicht.
Ihr hört von mir.
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Hallo Manfred
Das hohe liegegeld hast du damit ohne Herzinfarkt überstanden. Viel Spaß und Vorsicht bei der weiterreise.
Gruß Rainer
Hallo Manfred,
das Gefangenendasein teilen wir mit Dir an der Ostsee: Wir sitzen hier in Smygehuk in Südschweden und haben ein ganz ähnliches Bild: Sonne, aber weiterhin 5-6 Bft. und eine kernige alte Welle vom gestrigen Sturmtag. Also bleiben wir auch heute hier.
Wir haben gerade zwei einlaufenden Booten beim anlegen geholfen, beide kamen aus Ystad und alle Crewmitglieder waren froh wieder im Hafen zu sein. Also haben wir wahrscheinlich richtig entschieden.
Morgen soll’s besser werden, vielleicht auch auf Norderney?! Weiterhin noch schönen Aufenthalt!
Hey Manfred goede reis terug.we missen je, jullie op de haven , groeten Auke