Es hat geklappt. Genauer; die Brücke hat geklappt, nämlich aufgeklappt. Sie ist hoffentlich bald wieder eine vollwertige Klappbrücke. Okay, holpriges Wortspiel, Jedenfalls sind heute viele erleichterte Seglerseelen im Gänsemarsch durch Groningen getuckert, nachdem sich die Problembrücke (Oosterhavenbrug) tatsächlich um 9:40 in Bewegung setzte und sich der bewegliche Teil schließlich senkrecht in den Himmel reckte. Lautes Getute aus den Hörnern der dicken Pötte. Wir kleinen hätten dagegen wohl etwas nach Stimmbruch geklungen. Die Wirkung war jedenfalls wie eine sich plötzlich entladene Verdauungsstörung. Oder, vielleicht etwas ästhetischer formuliert, wie der Korken, der durch plötzlichen Ortswechsel dem Inhalt der Pulle neue Freiheiten gibt.
Die neu gewonnenen Freiheiten müssen aber zunächst mit viel Geduld und Konzentration bezahlt werden. Ich weiß nicht, wie viele Schiffe sich im Schneckentempo – oft am Rande der Manövrierbarkeit – durch Groningen mit seinen unzähligen Brücken quälen. Rüm Hart und ich sind wohl im mittleren Drittel, und ich schätze, dass es insgesamt so ca. 40 bis 50 Boote sein mögen. Bemerkenswert ist, dass die komplette Tour einschließlich der ebenfalls nur sehr provisorisch fertiggestellen Schleuse (Dorkwerdersluis) im Nordwesten von Groningen völlig friedlich, ohne Schreierei und vor allem ohne Feindberührungen verläuft. So weit ich das überblicken kann jedenfalls.
Total sehenswert sind die Gesichter der zahlriechen Passanten, die nun Brückenöffnungen der kosmischen Art erleben. Was sonst in 5 Minuten erledigt ist, weil ein oder zwei Boote Durchlass begehren, dauert nun schon mal eine halbe Stunde, vermutlich sogar mehr. Begeisterung kann ich nicht erkennen. Winken wird nur sehr gequält erwidert, einer winkt sogar nur mit dem Mittelfinger. Die bedauernswerten Brückenwärter haben auch kaum eine Chance, den Convoi zu unterbrechen und zwischendurch mal kurz zu schließen. Die Yachten fahren im Abstand von teilweise nur einer oder zwei Bootslängen. Sollte der Meister in seinem Häuschen da oben auf die Idee kommen, seine Ampel plötzlich auf Rot zu schalten, müsste das nächste Schiff per Rückwärtsgang eine Vollbremsung einlegen, was unter Garantie zu heftigem Kleinholz an seinem Heck und in der nachfolgenden Schlange führen würde.
Das alles dauert. Nach Groningen und der vorerst letzten Schleuse mache ich wenige Kilometer weiter – wir sind binnen, da wird in Kilometern gemessen, nur meine Instrumente zeigen noch Seemeilen an – in Garnwerd fest. Zwei Kneipen bzw. Restaurants, eine kleine Hafenanlage längs des Kanalufers, eine Windmühle (s. Titelfoto), ne Hubbrücke, viel Gegend drumherum … das reicht für eine Idylle. Im Restaurant direkt am Hafen leiste ich mir heute Abend ein kleines Dinner. Lachs mit Pommes und als Gemüse Queller. Saulecker! Und echt bezahlbar. Ich habe einen Rekord zu feiern: 4 Stunden und 40 Minuten für 8 Seemeilen (rund 15 Kilometer). Langsamer geht nicht 🤭.
Rüm Hart hat heute übrigens einen Eignungstest bestanden: die erste Mutationsstufe zum Motorboot. Die fahren nämlich alle schön mit ihren Falt- oder Fahrrädern an der Bugreling durch die Gegend. Das können wir auch. Lenker runterklappen, Stattelstütze absenken und schon ist mein Kinderrad da vorne gut und sicher aufgehoben und stört nicht. Jedenfalls nicht, solange ich nicht segeln kann oder will. Das Entladen über den Bugkorb ist Minutensache, und ab geht’s auf eine kleine Nachmittagsrunde. Was heute allerdings gleich mal klassisch in die Hose geht. Wegen der Bummelei in Groningen wird der Mittagsschlaf zum Nachmittagsschlaf, und ich – na ja – muss wohl ein bisschen müde gewesen sein … 😴
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