Mit Erinnerung an die Zwangs-Hafentage in den letzten Woche, ist es bemerkenswert, dass es von Borkum aus zügig und ohne weitere Verzögerungen weitergeht – zunächst jedenfalls. Am nächsten Mittag (Freitag) gegen 14 Uhr kann ich ablegen, nach der Fischerbalje in die Ems Richtung Süden abbiegen und schön außerhalb des betonnten Fahrwasser vor mich hin dieseln (die einlaufenden Schiffe haben die roten Tonnen auf der Backbord- (links) und die grünen auf der Steuerbordseite). Wie vorhergesagt weht kaum ein Lüftchen, was schade ist, ich wäre gern noch die letzten Seemeilen bis zum Beginn des niederländischen Kanalsystems gesegelt. Ich bleibe auf der roten Seite, eigentlich falsch, aber außerhalb der Betonnung ist es erstens egal und zweitens mehr Platz als auf der grünen Seite.

Nach gut 3 Stunden habe ich die „Abfahrt“ nach Delfzijl erreicht, wechsele quer durch’s Fahrwasser auf die niederländische Seite der Ems und biege in den nur ca 3 sm langen Zeehavenkanaal ein, der mich direkt zur Steganlage des dortigen Segelvereins führt. Kurz habe ich die Idee, gleich heute noch in die große Seeschleuse zu fahren, um im Eemskanaal in einem Hafenbecken nach der Schleuse für die Nacht festzumachen. Aber das wird mir von der Groninger Port Control verweigert: that port is for commercial ships only. Ok, dann eben nicht. Ich mag die Marina von Delfzijl nicht sooo gern, obwohl sachlich-faktisch wenig dagegen zu sagen ist. Die Stege sind wirklich super stabil, die Sanitäranlagen sauber und brauchbar, die Hafenmeisterin sehr nett und hilfsbereit. Als ich mir eine freie Box aussuche stehen sofort 3 Leute auf dem Steg und nehmen meine Leinen an. Sehr freundlich! Aber Delfzijl ist industriell geprägt, Schiffsbau, Docks und Verladekräne. – eine ganz eigene Idylle. Daran muss man sich gewöhnen oder es irgendwann einfach akzeptieren.
Sobald alle Leinen fest sind und die Fender korrekt hängen kommt eine sehr angehme Pflicht: das Setzen der niederländischen Flagge als Gastlandflagge unter der Steuerbordsaling. Ein Zeichen des Respekts gegenüber dem Gastgeberland, das auf keinen Fall unterbleiben darf. Es wäre eine grobe Unhöflichkeit und ein schwerer Verstoß gegen jede Yachtetikette. Siehe Titelfoto.
Der Plan: Samstagmorgen früh raus und die wenigen hundert Meter bis zur Seeschleuse fahren. Die Realität: dicker Nebel. Ich warte noch ne Stunde, der Nebel wird tatsächlich etwas lichter. Nur noch die jeweils oben stehenden Rotorblätter der großen „Windmühlen“ rühren im Dunst. Leinen los und ab geht’s. Vor der Schleuse liegen meine Stegnachbarn von der letzten Nacht mit ihrer Is so schon auf Warteposition. Ich schließe mich ihnen an. Ein Frachter kommt raus, ein anderer fährt rein, dann dürfen wir uns neben den Dicken in die Schleuse legen. Die Is so Crew und ich fotografieren uns gegenseitig, und ich rufe ihnen meine Handynummer zu. Der Austausch klappt tatsächlich.


Dreieinhalb Stunden Kanalfahrt, belebt durch einige Hubbrücken, dann ist Groningen erreicht – und unser Mini-Convoi, bestehend aus 2 Schiffen, wird ausgebremst. Seit Wochen geistern Berichte durch die Seglerwelt, dass eine der vielen Hubbrücken in Groningen Ärger macht und repariert wird. Aber gestern sollte sie fertig geworden und an diesem Wochenende wieder in Betrieb sein. Nix ist fertig, das Ding ist dicht, die Hubbrücke zur Brücke degradiert. Über Kanal 09 erfahre ich, dass das auch noch bis Mittwoch so bleiben wird.
Die Rettung ist ein kleiner Hafen des Groninger Motorboot Clubs. Dort finden wir freundliche Aufnahme, zu übrigens sehr überschaubaren Preisen: 1 € pro lfd. Meter Bootslänge. Ich zahle also gerade mal 10 € für die Nacht. In einem Hafen, an dem es wirklich nichts auzusetzen gibt. Die einzige Ungewöhnlichkeit: Dusche Mädels, Dusche Jungs, Toilette Mädels, Toilette Jungs, Waschmaschine, Trockner – alles zusammen in einem Raum. In Skandinavien habe ich das durchaus auch erlebt, in Holland noch nie. Aber alles ist pikobello sauber, und das ist für mich die Hauptsache.

Ich hatte eh vor, 2 oder 3 Tage in Groningen zu bleiben, die wirklich schöne Stadt ist es wert. Nun werden es halt 4 oder 5 – so what… Der einzige kleine Nachteil ist, dass dieser Hafen ziemlich am Stadtrand liegt. Ich feiere also einmal mehr mein Bordbike, das wieder seinen Bereitschaftsplatz an der Bordreling auf dem Vordeck eingenommen hat. Es wird mir hier sogar super-bequem gemacht, denn die Stege sind endlich mal wieder in vernünftiger Höhe geplant und gebaut worden. Sehr im Gegensatz zu den deutschen Inselhäfen, in denen man seinen Fendern vor dem Anlegen das Schwimmen beibringen muss, weil die Stege seeeehr weit unten sind. Für Jollenkreuzer klasse, für mein Dickerchen doof.

Bemerkenswert ist, dass, – in Selbstbeobachtung – tatsächlich sowas wie Heimatgefühle in mir aufkommen. Hab ja immer gedacht, dass mir das außerhalb Lingens – na, sagen wir es etwas „globaler“: außerhalb des Emslands – nie passieren würde. Aber hier ist alles vertraut und schön holländisch. Ich schrieb es ja schon, die letzten Etappen der Reise werde ich genießen.
So, jetzt warte ich aber erstmal auf neue Brückennachrichten, hoffe, dass sie dieses Mal zuverlässig sind und ich wirklich spätestens Donnerstag weiterkomme. Übrigens bin ich nicht der einzige hier im Hafen mit diesem frommen Wunsch.






