Ausbruchversuch

Gelungener Ausbruchversuch! Fünf Tage und Nächte bin ich nun auf Norderney „gefangen“ – zumindest fühlt es sich so an. Ok, es gibt schlimmere Orte, in denen man gefangen sein könnte. Immerhin liegen wir – Rüm Hart und ich – in einer voll ausgestattete Marina mit allem Zip und Zap. Sogar ein gutes, aber nicht überkandideltes Restaurant gehört dazu. Und ein Hafenmeister-Team, das gute Laune verbreitet und zu den netten gezählt werden kann. Aber weder können die Jungs was für’s Wetter, noch können sie etwas daran drehen. Es schüttet halt, teilweise wie aus Kübeln, und der Starkwind aus West-Nordwest macht die Sache auch nicht gemütlicher.

Kleine (Hand-)Wäsche in Norderney

Eigentlich will ja am Montag (gestern) ablegen. Der Morgen jedoch lässt nur eine Möglichkeit offen: wieder in die warme Koje kriechen. Als es endlich aufhört zu gießen ist mein Zeitfenster für’s Ablegen zu. Ich käme zu spät beim Norderneyer Wattfahrwasser an. Ein Prickenweg, bei dessen Passage ich auf Hochwasser angewiesen bin.

Es-mir-an-Bord-gemütlich-machen kann ich mittlerweile richtig gut, und wie zur Belohnung wird der Nachmittag gar nicht mal so schlecht. Immerhin ein „ganzer halber“ trockener Tag, und nachdem die Cockpitbänke abgetrocknet sind, ist sogar der Kaffee draußen möglich. Spät am Abend kommt so richtig die Sonne durch – wie ein Versönungsversuch mit viel Hoffnung für morgen (Dienstag).

Ein letzter (und seltener) Sonnengruß am Abend in den Salon

Dienstag – wenn nicht jetzt, wann dann! Mittags um 12 gehen die Leinen los. Um kurz vor 13 Uhr bin ich am Eingang des oben erwähnten Prickenweges südlich von Norderney, für dessen Passage ich heute ein Zeitfenster von 12:36 bis 15:54 habe. Theoretisch! Praktisch ist dort um 14:30 Uhr Hochwasser, und wenn ich mich irgendwo festfahren sollte, dann doch bitte viel lieber bei noch so gerade eben steigendem Wasser – also VOR Hochwasser -, als bei bereits wieder fallendem. Ich habe gar keine Lust, dort die nächsten 12 Stunden einzuparken. Heißt: das tatsächliche Fenster öffnet sich gegen halb eins und schließt um halb drei. Das ist jetzt eine kleine Einführung in die Tidennavigation – also Theorie. Praktisch habe ich dort an keiner Stelle weniger als 2 m Wassertiefe und damit immer noch 70 cm unter meinen beiden Kielen (bei 1,30 m Tiefgang). Man muss nur schön in der Spur bleiben, also von Tonne zu Tonne bzw. von Pricke zu Pricke fahren und keinesfalls die nächste mit der übernächsten verwechseln. Brav der Reihe nach!

Tschüß Norderney

Die letzten Meter bis Baltrum sind witzig. Man fährt, den Tonnen folgend (s. o.) bis fast auf den Oststrand von Norderney und will auf gar keinen Fall die dort dösenden Seehunde und Robben stören. Aber der Weg ist nun mal so abgesteckt, und die lieben Tierchen lassen sich auch überhaupt nicht stören.

Schön artig der Linkskurve folgen, auf der Kimm: links Norderney, rechts Baltrum
Links die Ostspitze von Norderney, rechts Baltrum, das Gatt dazwischen (Wichter Ee) ist das einzige, dass als wirklich unpassierbar gilt, weil sich dort die Sände und Bänke mit einer unberechenbaren Rasanz ändern
Ein letzter Blick auf die Ostküste von N’ney – mit einer gut bevölkerten Landzunge

Ein Wahnsinnstörn heute. Ganze 9 Seemeilen, muss man sich mal vorstellen! Ok, Ironie aus. Ich brauche keine 2 Stunden von Norderney bis in die Freiheit nach Baltrum. Der Hafenmeister höchstpersönlich hilft beim Anlegen und nimmt meine Leinen an. Natürlich gibt es keine Klampen, sondern wieder nur Ösen auf einem äußerst wackeligen und teilweise brüchigen Steg, an dem ich längseits liege. Na ja, kennen wir ja schon.

Der Hafen von Baltrum ist ein Tidenhafen, fällt aber nicht vollständig trocken, Rüm Hart (ganz hinten) steht bei Niedrigwasser mit beiden Kielen tief im Schlick und bewegt sich nicht mehr

Der Nachmittag wird sonnig. Mein Gemüt auch. Ich besichtige das Vereinsgelände des BBC (Baltrumer Boots Club) und halte Schwätzchen mit den Vereinsmenschen. Aber, damit wir nicht zu sehr verwöhnt werden, zieht es am späten Nachmittag zu und fängt irgendwann leicht an zu nieseln. Bemerkenswert: es ist jetzt 21:30 Uhr, 20° im Salon, und die Heizung ist immer noch nicht an. Ich fürchte allerdings, dass sich das gleich noch ändern wird. Das ist dann aber auch ok.

Der ständige Wasseraustausch bringt Farbe ins Spiel

Beschluss: morgen bleibe ich noch hier. Erstens gibt es nicht nur einen Insel-Supermarkt, in dem ich meine Vorräte auffüllen und ergänzen könnte, sondern zweitens auch Starkwind aus Süd mit – so sagt es Windfinder – über 20 Knoten. Das ist nicht seniorengeeignet.

Ich werde morgen mein Bord Bike auspacken und entfalten und mir Baltrum anschauen. Endlich mal Touri sein. Also geht’s erst Donnerstag weiter. Hoffentlich!

PS: das Wasser kommt zurück – mit einer einzigartigen Geräuschkulisse hier im Boot. Ein Gluckern und Glucksen, Strömen und Wirbeln … Interessant.

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