Das Überraschende kommt gleich. Zunächst muss der Chronist in mir noch ran.
Samstag. Nach 4 Tagen auf Helgoland, die mir gut getan und sehr gut gefallen haben, werfe ich morgens um 7 die Leinen los und schleiche mich aus dem Nordosthafen. Ein letzter Blick nach achtern auf meinen Liegeplatz (Titelfoto). Zwar habe ich das Großsegel vorbereitet, rolle draußen auf See aber tatsächlich nur die Genua aus, das größere der beiden Vorsegel. Der Wind fällt von schräg hinten (Backstag) ein, und ein zusätzlich gesetztes Groß würde dem Vorsegel nur eines spendieren: Windschatten. Das sehen auch 2 mit mir in gleicher Richtung laufende Yachten so, die es beide zunächst mit beiden Segeln probieren, dann aber schließlich im Gleichtakt das Vorsegel einrollen und nur mit dem Groß weiterfahren. Geht auch.

Wir haben gar nicht soooo viel Wind (so um die 13 Knoten, das sind rund 4 Beaufort), aber eine irre Dünung zusätzlich zur Windsee. Ergebnis: das Schiff rollt mächtig von einer Backe auf die andere, torkelt Richtung Elbe. Ich werfe den Diesel an und lasse die Schraube mit wenig Umdrehungen mitlaufen. Das hilft etwas.

Um kurz nach 10 erreiche ich schließlich die Elbe – von der nichts zu sehen ist. Oder besser: man sieht die Elbe vor lauter Wasser nicht. Jetzt, rund 2 Stunden vor Hochwasser, ist es eine riesige, endlose Wasserfläche, alle blauen und grünen Flächen auf der Seekarte sind unter Wasser und nicht sichtbar. Aber die ersten roten Tonnen des Elbfahrwassers sind da. Ich lasse Nummer 4 und 6 an Steuerbord und tauche bei 8 nun endlich in die Elbe ein um auf die für mich richtige Fahrwasserseite zu wechseln (meine gelbe Kurslinie). Ein stromabwärts (also aus Hamburg) kommender Riesenfrachter nimmt mich auf’s Korn. Eben hatte der noch 13 Knoten Speed drauf, mittlerweile hat er auf 16 beschleunigt. Ich sehe sowas auf meinem AIS System, das ich die Tage mal erklären werde. Ok, ich kann auch Vollgas und nach 3 Minuten ist die Situation geklärt, ohne dass es irgendwie eng geworden wäre. Übrigens, auf dieser Karte schaut das alles recht nahe aus, weil die Tonnen der besseren Sichtbarkeit halber riesig dargestellt werden. In der Realität ist der Abstand zwischen ihnen rund 2 Seemeilen (ca. 3,5 km).


Jetzt kommt eine Rauschefahrt. Der einlaufende Flutstrom bringt Rüm Hart auf Trab. Daraus resultieren ziemlich schnell 8 Knoten Bootsgeschwindigkeit (für die Fachleute: SOG, Speed over Ground) und mehr. Das Vorsegel bringt nichts mehr, der Strom ist weitaus wirkungsvoller als der Wind. Ich rolle es ein. Eine halbe Stunde später kommt so richtig Land in Sicht: Cuxhaven und die bekannte Kugelbarke. Mittags um kurz nach eins mache ich in der City Marina fest.
Ein Wiedersehen. Im April 2015 war ich zusammen mit Ole schon einmal hier, als wir beide Rüm Hart von Norderney aus kommend in die Ostsee überführt haben. Lange her.
Geschafft! Durchgeschaukelt! Mittagsschlaf. Hafenmeister.
So, und jetzt wird es Zeit für eine Überraschung. Sonntagvormittag: Radtour durch Cux. Sonntagmittag: Mittagsschläfchen in meiner Koje. Es rappelt draußen an meiner Reling. Ich komme in die Senkrechte, linse durch die Frontscheiben und glaube es nicht … das Mädel kenne ich doch. Sigrid – natürlich ist es Sigrid, ihr wisst es längs – bescheinigt mir später ein blödes Gesicht. Na klar! Unter uns: in Wirklichkeit bin ich für einen Moment heilfroh, dass ich gestern Staubsauger und Lappen geschwungen und auch mich selbst in einen gesellschaftsfähigen Zustand gebracht habe. Hätte auch schiefgehen können.
Ok, Spaß beiseite. Ich freue mich sehr, und Sigrid sich auch über den gelungenen „Überfall“. An dieser Stelle muss man es erwähnen: wir hatten vor 3 Tagen unseren 45. Hochzeitstag, den wir leider getrennt verbringen mussten und uns eine gründliche Nachholung versprochen hatten. Es ging nicht anders. Sigrid kommt direkt von einem „Kastenwagen-Treffen“ aus Soltau (ihr Camper-Van ist ihr Hobby, ebenso wie eine nette Camper-Gemeinschaft), und ich hätte meinen Sommertörn in die Höchstsaison verschieben müssen. Nein, so sind wir nicht gestrickt. Aber dass das mit dem Nachholen so fix klappt, hätten wir beide nicht gedacht. Gute Idee, die Fahrt nach Hause von Soltau aus über Cuxhaven zu legen. Natürlich lade ich meine Herzensdame abends zum Essen ein. Spontan entscheiden wir uns, auch den Montag gemeinsam zu verbringen und die jeweilige, geplante Abreise um einen Tag zu verschieben.
Dienstagvormittag 11 Uhr. Ich sitze im Salon und schreibe diesen Bericht. Sigrid ist mittlerweile unterwegs und gerade eben nochmal winkend mit ihrem „Silberpfeil“ hinter (und über) Rüm Hart und mir vorbeigefahren. Sie wird sich Zeit lassen mit der Heimfahrt und plant, unterwegs noch eine Übernachtungsstation einzulegen. Ich bereite jetzt mein Schiff für’s Ablegen vor. Um 12 öffnet (hoffentlich) eine Brücke für mich, die mich von der Elbe trennt. Dann rechts ab und Kurs auf Brunsbüttel. Nein, nicht die Riesenschleusen des Nordostseekanals. Viiiiel kleiner.
Ich werde berichten.
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Klasse 👍
Wie immer sehr schön zu lesen und ich freue mich jedesmal, wenn ich ich eine Mail dazu von Dir bekomme. Toll, dass auch Deine Frau Dir diese „Freiheit „ lässt und Dich dann auch noch so nett überrascht!!
Glückwunsch 🍾 zum Hochzeitstag!
Ich wünsche Dir weiterhin eine tolle Zeit und pass auf dich auf!!
Viele Grüße!
Thorsten
SY Vento (ex Omega)
Moin Manfred,
dieser Frachter mit den Windradflügeln lag zuvor in Cuxhaven an der Kaimauer direkt am Yachthafen des CSV. Er versperrte die Sicht auf die Elbe und seine Dieselgeneratoren machten die ganze Nacht Krach. Gut für Dich also, dass er nun dort auf Reede lag :-)!
Viele Grüße und gute Reise weiterhin!
Moin Manfred,
dann warten wir jetzt mal alle ganz gespannt auf den Link zu Sigrids „Kasten-Blog“ 😉
Dir weiterhin noch eine schöne Tour – und bleib nicht im Schlick stecken. Soll ja nicht besser werden an der Elbe…
Beste Grüße
Klaas
Schade, leider war ich beruflich unterwegs.
Mein Boot lag in deiner Sichtweite.
Kommst du wieder in der City Marina vorbei?
Könnte gut sein, auf dem Rückweg