Schlick

Es ist schon faszinierend, wie sich die Welt – zumindest soweit ich sie derzeit im Auge habe – durch die Gezeiten ändert. Das Wasser geht und andere, neue Strukturen werden sichtbar. Regelmäßig, alle 12 Stunden und rund 25 Minuten. Zwischendrin geht’s mal rauf mit dem Tidenfahrstuhl bis auf HW (Hochwasser), dann wieder runter auf NW (Niedrigwasser). Und immer fort und ständig wieder. Wie lange wohl noch?

Im Abendlicht. Die Steganlage ist an den Pfählen bis in den Schlick runtergerutscht, am Schilf kann man sehen, wie hoch das HW gestanden hat, die Schiffe stecken mit ihren Kielen im Schlamm

Die Rampe zwischen „Festland“ oben und Steganlage unten wird immer steiler

Ich bin mal kurz vor NW mit der Kamera losgezogen und hab versucht, die Welt fotografisch festzuhalten, hier im Alten Hafen von Brunsbüttel. Einer Art Priel mit Steganlage und einem vorzüglichen Vereinsgelände. Die Fotos entstanden Dienstagabend im späten (blauen) Restlicht und bei der nächsten NW-Phase am nächsten Vormittag.

Offenbar kann die Schlammpackung auch schon mal ins Rutschen geraten

Die Einfahrt in den Priel bei NW, die Pricken neigen sich im Wind, die Steganlage liegt im Schlamm, gaaaanz hinten die Elbe
Ein grüner Hafen im Schilf
Opti-Training

Der Weg von Cuxhaven hierhin nach Brunsbüttel ist kurz und ereignislos. Na ja, bis auf die Ansage der Crew eines rot-orangen Behördenbootes, dass ich mich in einem Sperrgebiet (gleich südöstlich der Hafenausfahrt von Cuxhaven) befände und doch bitteschön zur roten Fahrwasserseite rübermachen möge. Ok, das hatte ich in den Papier- und digitalen Karten (wo es eh nur in der korrekten Zoomstufe abgebildet wird) echt übersehen. Mein Trost: ich bin in sehr guter und reichlich anwesender Gesellschaft. Zunächst mal 3, später 5 oder 6 Yachten bekommen alle die gleiche Kurzpredigt zu hören und ändern schleunigst den Kurs. Schon lustig: die Sportboote, die von dem roten Schiffchen angefahren werden, ändern wenige Sekunden später schlagartig die Richtung. Immerhin geschieht das Ganze unter Verzicht auf weitere erzieherische Maßnahmen aus der Bordkasse.

Ein Finnclipper – was habe ich bewundernd und träumend vor so einem gestanden, als ich mit ca. 17 jungen Jahren zum ersten Mal die damals noch große Bootsmesse in Hamburg besuchte, so einen wollte ich – allerdings nur mit Mast und Segel (die hier fehlen)

Zwei Stunden später suche ich nach dem Priel und der Einfahrt zum Alten Hafen. Der soll laut Revierführer von Jan Werner (DER Autor der im Norddeutschen relevanten Törnführer) mit einem Pfahl mit rotem Schild drauf und mit Pricken gekennzeichnet sein. Die Pricken sind sehr schlecht zu erkennen, aber vorhanden. Von einem roten Schild sehe ich absolut nix. Ein dicker Pömpel steht ganz rechts, aber ohne Schild oder sonstwas drauf oder dran. Ich fahre mal zu ihm hin – und überlege mir das schnell wieder anders. Nur noch 1,4 m Wassertiefe unter mir (Memo: Rüm Hart hat 1,3 m Tiefgang). Weg da und zurück zu den Pricken. Jetzt in der Annäherung kann ich auch deren Topzeichen erkennen. Aha, die wollen also an Backbord gelassen werden. Ok, ich schleiche mich vorsichtig und ganz in der Nähe der Dinger weiter und bin beruhigt, als ich wieder Wassertiefen von 2 m und mehr unter mir habe.

Sauberes Vereinsgelände, und Rüm Hart ist auch zu sehen (Foto vom Balkon des Vereinshauses im 1. OG)

Ich mache hinten links fest, wie im Jan Werner Buch empfohlen und nahegelegt. Das sei der Platz für zahlende Gäste des Vereins. Die Hafenmeisterin ist da locker. Nimm mal die Box Nr. 27 auf der anderen Seite, dann haste’s nicht so weit zum Klo. Sehr lebensnah und pragmatisch. Also parke ich um und fühle mich wohl. Der Verein SVB – Segelverein Brunsbüttel – ist ein Sahnehäubchen. Sehr sauberes Vereinsgelände, große Hallen für Segel-Sportgeräte und deshalb vermutlich eine aktive Jugendarbeit. Und für mich das Wichtigste: nette Menschen und Super Sanitäranlagen. Sogar Fahrräder zum kostenlosen Ausleihen werden angeboten.

Das Wetter überredet mich, zwei volle Tage hier zu bleiben. Regen und Gewitter – und zwar eines nach dem anderen, es donnert fast permanent. Mein Cockpitzelt hat wieder mal seinen Auftritt.

Abendessen: Reispampe mit Schinkenwürfeln, Pilzen und Tomaten

Morgen, ca. 2 Std. nach NW soll ich hier rauskönnen – sagt die Hafenmeisterin. Es soll nach Freiburg gehen. Nein, nicht im Breisgau, aber Freiburg gibt’s auch an der Elbe. Bis bald also.

Ach, noch was: das Titelbild ist dieses Mal der DGzRS gewidmet. Die Hermann Marwede ist deren größter Rettungskreuzer, normalerweise auf Helgoland stationiert, aber beim Auslaufen aus Cux habe ich ihn an Steuerbord vor der dortigen Werft.

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