Trommelwirbel, die Spannung steigt, für welchen Weg haben der alte Mann und sein Boot sich entschieden? 😁 Nun, sagen wir es mal so: nach dem sehr kleinräumigen „Bootfahren“ – Segeln konnte man es ja bislang wahrlich nicht nennen – brauche ich eine Portion offene See und nicht schon wieder stundenlanges Motoren durch niederländische Kanäle (Staande Mastroute). Morgens früh um halb sieben in Lauwersoog werfe ich die Leinen los, die Fender werden weggepackt, und noch im sehr geräumigen Vorhafen geht das Groß hoch. Zunächst tatsächlich nur das Großsegel, das Vorsegel wird aber nach Ansicht der Wetterpropheten auch noch zum Einsatz kommen.
Noch hält der Südostwind sich ziemlich zurück, mehr als 4 bis 5 Knoten (2 Beaufort) sind es nicht. Jedenfalls zu wenig, um meinen Zeitplan einzuhalten. Gegen neun / halb zehn ist dort oben im Gatt westlich von Schiermonnikoog Stillwasser. Die „neutrale Stunde“ zwischen Hoch und Niederigwasser, in der mit ruhiger See gerechnet werden darf, vor allem bei dem schwachen Wind heute Morgen. Also steht zwar das Großsegel oben, aber die Maschine läuft mit, und zusätzlich freue ich mich über den eingeplanten Schiebestrom von gut anderthalb Knoten.
Pünktlich bin ich „oben“ und hab die Nordsee vor mir, menschen- und schiffeleer. Diese Weite! Ich atme durch und rolle das kleine Vorsegel aus, die (Selbstwende-)Fock. Erstens ist vorhergesagt, dass sich das mit dem wenig Wind noch im Verlauf des späteren Vormittags ändern soll, und zweitens hat sich hier draußen die Windrichtung auf Gegenwind, also aus Ost-Nordost, eingeschossen. Heißt: kreuzen. Und das geht mit der Selbstwendefock – deswegen heißt die so – bequemer als mit der großen Genua.
Wir reden mittlerweile über rund 10 gemütliche Knoten Wind, und vor allem reden wir über eine ordentliche Welle, die mir entgegen kommt. Höhe kneifen ist nicht, ich brauche wegen der Gegenwelle mehr Power im Segel. Aber so läuft Rüm Hart wunderbar, liegt leicht auf der Backe und schiebt sich geschmeidig durch die See. Genuss pur! Endlich sind auch die Temperaturen angenehmer geworden. Genau auf Kurslinie tauchen eine große Gas-Plattform und der Windpark Borkum Riffgrund auf. Die sehen ziemlich nah aus, sind aber gut 15 Seemeilen entfernt.
Bis spät am Vormittag segele ich so geradeaus, dann bringt mich eine Wende mit Südkurs wieder näher ans Festland. Aber nur rund eine Stunde lang, dann geht’s wieder zurück auf den alten Nordost-Kurs. Nahe der Südwest-Ecke des Windparks, durch den ich sowieso nicht hätte durchsegeln dürfen, kann ich wieder wenden und nun exakt in die Emsmündung „zielen“. Das passt alles prima und ist bis jetzt ein wunderbarer Törn.

Man ahnt es, das mit dem wunderbar hält nicht mehr lange. Der Wind frischt stark auf, ganz entgegen der Vorhersage, die erst für heute Abend deutlich mehr angekündigt hatte. Bis zu 18 Knoten habe ich auf der Windanzeige stehen. Und dann brodelt die See auf einmal um mich rum. Kurze, steile, sich weiß brechende Wellen scheinen aus verschiedenen Richtungen auf mein Schiff einzuschlagen. Ich kenne Rüm Hart bislang nur als sehr trocken segelndes Schiff. Spritzwasser, das die Crew im Cockpit erreicht, ist sehr selten. Aber jetzt gehen ganze Duschwellen über mein Schiff. Ich komme mir vor wie in der Autowaschanlage. Der Salzgeschmack auf den Lippen wird intensiver. Und dann erlebe ich tatsächlich ein irritierendes erstes Mal: George, mein Autopilot, der sonst so stoisch Ruder geht und auch bei Windstärke 9 auf dem IJsselmeer samt der dazugehörigen Welle nicht vom Kurs abzubringen war, ist offenbar leicht überfordert. Auf nachhaltige Kursänderungswünsche meinerseits reagiert er nur sehr unwillig, läuft andererseits plötzlich um 20° aus dem Kurs und tut sich offenbar sehr schwer, wieder auf die korrekte Linie zurückzukehren. Ich starte den Diesel und lasse ihn mit reduzierter Drehzahl mitlaufen. Der Schraubenstrom trifft direkt das Ruderblatt, erhöht so dessen Wirkung und erleichtert George den Job. Die See schiebt den Bug mal nach links, mal nach rechts. Ich hab alle Hände voll zu tun, muss mich festhalten (in meine Sicherheitsleine eingepickt bin ich schon lange), will fotografieren, aber das wird nichts. Ich freue mich über meine Rüm Hart, die zwar mit ein bisschen Zick-Zack, aber stur wie ein Rettungskreuzer durch diese Waschküche geht.
Das dauert eine gute halbe Stunde (laut Logbuch 40 Minuten), dann ist das Chaos überstanden, die See wieder normal geworden, der Diesel kehrt zurück in den vorläufigen Ruhestand. Später, in der Abdeckung von Borkum, gehen die Segel runter bzw. werden eingerollt und der Diesel muss ersatzweise wieder ran. Einfahrt in die Fischerbalje, der kurze Kanal zum Hafen an der Südwestspitze Borkums. Ich versuche über Kanal 14 den Hafenmeister im Burkana-Hafen per Funk zu erreichen – keine Antwort. Also suche ich mir einen Platz aus und lege an. Ein Hafenmeister, der nicht da ist, kann auch nicht per Funk antworten. Ich suche ihn vergeblich. Statt dessen finde ich ein Schild, das mich anweist, bestimmte Briefumschläge aus einem Kasten zu entnehmen, meine und des Schiffes Daten außen drauf zu schreiben, einen Betrag von rund 18 € innen rein zu legen und das ganze in den Briefkasten am Hafenmeister-Hüttchen zu werfen. Das muss noch warten, ich habe keinen 20-, sondern nur noch einen 50 € Schein – und zwar als einzigen. Muss erst irgendwo wechseln oder Geld ziehen. Die Moderne, z. B. in Form von QR Codes am Liegeplatz, ist hier halt noch nicht angekommen.
Ich mache mir ein Bier auf und entscheide mich, heute Abend Essen zu gehen. Am Burkana-Hafen ist ausweislich der Schilder in den Türen alles „dauerhaft geschlossen“. Ich laufe rüber zum Sportboothafen Port Henry – tatsächlich, das Restaurant dort hat offen. Halb sieben, ich bin der einzige Gast, bleibe aber trotzdem. Das Essen ist lecker, die Bedienung freundlich, zwei Biere laufen runter wie geschüttet. Noch einen Espresso, dann will ich zahlen und halte meine EC-Karte hin. Nix Karte, bar bitte. Ich bin erst erstaunt und dann sauer, dass man mir das nicht vorher gesagt hat. Der Chef reagiert auf meine Vorwürfe verlegen und windet sich. Kartenzahlung ist heutzutage völlig normal und selbstverständlich. Und wenn das irgendwo nicht geht, dann erwarte ich, dass man mir das sagt, und zwar rechtzeitig bevor die „Geschäftsbeziehung“ beginnt.
Ok, ich zahle bar mit meinem Fuffi und bekomme 10 € und ein paar kaputte zurück (Inselpreise). Für den Hafenmeister, das bislang unbekannte Wesen, reicht das nicht. Ich schreibe ihm eine freundliche Entschuldigung und Erklärung auf seinen Umschlag, lege mein Kärtchen rein und bitte um Mitteilung einer IBAN, damit ich prompt und sofort überweisen kann. Bislang habe ich noch nichts von ihm gehört. Vielleicht möchte er mit Hafengeldprellern nichts zu tun haben.
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Hey Manfred, heel leuk en mooi verhaal.Goede reis en vooral veel plezier
Moin Manfred!
Letztes Jahr in DK und S (rund Seeland) musste ich oft in Restaurants und Kiosken lesen: „Nur Kartenzahlung möglich!“.
Bei Hafengeschäften ist Barzahlung schon seit Jahren fast unmöglich.
Denk mal über einen Revierwechsel nach…
Klaus vom Bodensee
Moin Manfred, ich bin die Strecke ja schon mehrmals gesegelt. Vor Borkum, außen Huibertgaat kommend, hat mich die kabbelige See auch schon zweimal erwischt. Damals ist es mir kaum gelungen, vor der Fischerbalje die Segel zu bergen. Gut dass Du alles hinbekommen hast. Gruß Klaus
Ui – da wird Borkum seinem etwas zweifelhaften Ruf ja leider mal wieder gerecht. Jedenfalls, was die Häfen betrifft. Schade eigentlich, denn die Insel hätte so viel mehr Potential. Eine schöne weitere Reise noch! Klaas