Es war ne heiße Überfahrt …

… würde Achim Reichel singen. Zu recht! Konkret: im Salon trotz offener Dachluke im Bad (was ich beim Segeln sonst nie mache) über 26° und draußen im Cockpit müssen es über 100 sein. Jedenfalls fühle ich mich fritiert. Das Schlimmste: es gibt keinen Wind, der diesen Temperatureindruck relativieren könnte. Null! Null-Komm-null!!!. Beim Ablegen von Langeoog früh am (Pfingst-)Montagmorgen um 7:20 Uhr habe ich ja noch Hoffnung, dass von den angekündigten und vorhergesagten 7 bis 10 Knoten Wind aus West es wenigstens ein Teil bis hierher schafft. Voller Optimismus und Euphorie saust das Groß den Mast hoch. Spätestens als ich das Gatt zwischen Baltrum und Langeoog hinter mir habe und die spiegelglatte Nordsee vor mir sehe, beginne ich zu ahnen, was mir blüht: Dieselstunden.

Das friedliche Gatt zwischen Langeoog und Baltrum liegt hinter mir

Ich lasse die Maschine mit 1800 Umdrehungen laufen, eine gute Balance zwischen Vorankommen und Lärmbelästigung. Das macht dann so zwischen 4,7 bis über 5 Knoten Bootsgeschwindigkeit, je nachdem, ob grad eine kleine lokale Strömung mithilft oder sich in den Weg stellt. Das Großsegel bleibt trotzdem noch oben. Vielleicht …

Kein Wind im Segel

Völlig ungewohnt ist, dass ich nicht pro Minute einmal aufspringen und auf den Verkehr rund um mich rum achten muss – wie sonst auf dem IJsselmeer. Hier ist kein Verkehr, oder höchstens sehr wenig und ganz weit weg. Irgendwann erscheinen auf der Kimm die zu erwartenden Großfrachter aller Arten. Dort befindet sich sozusagen ein Verkehrsknotenpunkt. Noch habe ich das Groß am Mast, was bedeutet, dass die Dicken mich für ein aktiv segelndes Schiff halten könnten, das bezüglich der „Vorfahrtsregeln“ einen anderen Stellenwert hat, als wenn ich ohne Segel fahrend ein Motorschiff bin. Also nehme ich das Segel runter, um klare Verhältnisse zu schaffen.

Keine halbe Stunde später, kurz vor der Tonne TG9, dort wo ich auf den direkten Weg nach Helgoland abbiegen kann (siehe Karte im letzten Beitrag), nähert sich mit hoher Geschwindigkeit ein Schiff, es hält von Steuerbord kommend voll auf mich zu. Mir ist klar, was das wird: entweder Zoll oder Polizei. Das Schiff macht einen Schlenker und nähert sich von achtern an Steuerbord bis auf Sprechweite. Wasserschutzpolizei. Ein Beamter steht am Bug und stellt Fragen: woher wohin, Name des Bootes (steht eigentlich dran) und Heimathafen (dito). Dann muss ich ihm meine Führerscheine und mein Funkzertifikat zeigen (erkennen, geschweige denn lesen, kann er sie aus 3 m Entfernung sicher nicht) und meine Funk-Zulassungsurkunde. Und dann die Frage aller Fragen, die derzeit – so weiß ich es aus Seglerkreisen – sehr häufig gestellt wird: haben Sie aktuelle Seekarten an Bord? Habe ich, er kann sich welche aussuchen. Der freundliche Beamte notiert, an der Bugreling stehend, alle Antworten und Angaben in seine Notizkladde, wünscht mir einen sicheren Törn, und zack drehen sie ab und verschwinden nach Süden.

Was habe ich doch für ein Glück, dass das Großsegel geborgen war. Natürlich hatte ich keinen Motorkegel gesetzt (hätte ich aber tun müssen, wenn ich motore und trotzdem ein Segel oben ist). Das hätte mich jetzt einige Euro aus der Bordkasse gekostet.

Wäre ich ein segelndes Schiff hätte der mir im freien Seeraum ausweichen müssen (worauf ich es nie ankommen lassen würde), als Motorschiff gehe ich hinter seinem Heck her

Jetzt kann mir ja nix mehr passieren. Das östliche Ende des VTG (Verkehrstrennungsgebiet, die Autobahn für die Großen) habe ich erreicht und drehe ab auf direkten Kurs Helgoland. Die dicken Superpötte, die hier draußen auf Reede liegen, oder aus dem VTG kommen und die Elbe ansteuern, verschwinden achtern, und es wird wieder langweilig. Und heiß! Mir wäre so sehr nach einem Mittagsnickerchen in meiner kühlen Kabine. Geht natürlich nicht. Ersatzweise koche ich mir einen Kaffee. Der schlägt mir komischerweise auf den Magen, obwohl ich ihn gar nicht so stark angerührt habe.

Ein riesiges Reede-Gebiet, hier liegen sie alle vor Anker und warten auf Einfahrt in die Elbe oder Weser

Dann wird die Sicht schlechter, am Horizont zieht sowas wie Nebel auf. Ich vermute, dass es Wasserdampf ist, der von der Mittagssonne erzeugt wird. Irgendwann taucht dort irgendwas im Dunst auf – tatsächlich, Helgoland. Ich weiß, dass die letzten Seemeilen zäh werden und hole mir noch ein kaltes alkoholfreies Bier. Das hilft. Fast schlagartig ist die Sicht wieder klar.

Helgoland, fast da

Die Entscheidung ist längst gefallen: es wird der Nordosthafen. Ich habe keinen Bock auf den Südhafen mit seinem Gewusel und Riesenpäckchen. Etwas später, nach dem Festmachen, gefällt mir mein Entschluss. Hier ist es ruhig, jeder hat seine eigene Box mit (natürlich zu kurzem) Fingersteg und netten Nachbarn links und rechts.

Nordosthafen

Ich hab heute mal kein Zugseil überfahren, hab mich gefreut über das „Wow!“ eines Polizeibeamten, als ich ihm auf Nachfrage versicherte, dass ich wirklich allein von NL bis hier her gekommen sei, hab ein geschmeidiges Anlegemanöver hingelegt, ganz ohne weitere Erschütterungen für Helgoland (sogar die Lange Anna ist dabei stehengeblieben) und könnte rundum zufrieden sein. Wenn ich nur nicht so unsagbar platt und groggy wäre. Ich reiß mir ein Bier auf – ein richtiges.

Mein Smartphone meldet, dass die Anzahl meiner Schritte heute unterdurchschnittlich sei. Ich wusste gar nicht, dass das Ding sowas wie Humor hat.

Das Abendbrot besteht aus was Schnellem: Rührei mit Zwiebeln, Würstchen und Schinkenwürfeln. Um 22:20 mache ich das Licht über meiner Koje aus. Um 22:20 und eine Sekunde bin ich im Tiefschlaf.

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