Montag nehme ich Abschied von Cuxhaven und entdecke, dass es neben der Einkaufsmeile und Fußgängerzone, die Sigrid und ich auf dem Hinweg nach HH kennengelernt hatten, noch eine zweite, sehr viel hübschere gibt. Das scheint sowas wie die Altstadt zu sein. Ich finde einen Lidl und einen Geldautomaten. Und dann radele ich nocheinmal zur Alten Liebe und verfalle der Versuchung einer Kreidetafel: „Apfelstudel + Eis + Sahne + Kaffee für nur 8,70 €“. Da MUSS man doch zuschlagen. Der Abend an Bord bringt Unterhaltung: Törnplanung, Tiden- und Strömungskalkulation. Ich krame tatsächlich meinen neuen Bord-Drucker hervor – und stelle fest, dass ich das Druckpapier zuhause vergessen habe … 🤔. Der Hafenmeister ist nett und schenkt mir ein paar Blätter. Muss ich mir unbedingt noch besorgen, damit ich die Kartenberichtigungen des NV-Verlags ausdrucken kann, bevor ich wieder in die ostfriesische Inselwelt eintauche.
Nun liegt die Elbe wirklich hinter mir. Gestern – Dienstag – um 13:55 Uhr erreiche ich die erste oder letzte (je nachdem von man guckt) Tonne der Elbe, ändere den Kurs etwas nach Backbord und peile das Mündungsgebiet der Jade an. Von dort soll es dann die letzten wenigen Seemeilen mit ordentlichem Schiebestrom nach Horumersiel gehen. Vormittags um halb elf lege ich in Cuxhaven ab. Warum so spät? Ok, weil ich dann immer noch Schiebestrom der mit der Ebbe ablaufenden Elbe habe – was auch funktioniert -, und später, weit draußen, bei der Elbtonne 1, dann Schiebestrom Richtung Südwesten haben soll – was zunächst nicht funktioniert. Da haut der Plan des Navigators an Bord nicht ganz so hin, wie er sich das gewünscht hatte. Aber dafür ist der Wind tatsächlich eine Idee kräftiger als vorhergesagt, kommt dafür aber aus der falschen Richtung, nämlich zunächst, noch in der Elbe, exakt gegenan, auf die Nasenspitze des Steuermanns sozusagen.
Konkret heißt das, dass der Windmesser so um die 7 Knoten wahren Wind anzeigt, und sobald ich den Westbogen der Elbe im Kielwasser habe, rolle ich die Genua, das größere der beiden Vorsegel, aus. Das mag der Wind nicht und fängt an mich zu verarschen. Zunächst dreht er auf Nordost – wunderbar für mich! Dann hat er Spaß daran den Windhahn zuzudrehen. Gaaaanz langsam, Stück für Stück. Er will herausfinden, wie lange ich durchhalte. Bis die Anzeige bei unter 5 Knoten angekommen ist. Ich rufe einmal laut SCHEIßE! (hört ja keiner), starte den Diesel und rolle die Genua wieder ein. Immerhin hat der Schiebestrom sich mittlerweile bequemt und kommt aus den Puschen. Und nach einer dreiviertel Stunde ist auch der achterliche Wind wieder da. Vorsegel raus – für eine Stunde. Dann … siehe oben. Ich gebe auf.
Hab sowieso die Weser vor mir. Was man allerdings überhaupt nicht sieht, nur auf der Karte und auf den Plottern. Auf dem Wasser sieht man nur die Tonnen, die das Weserfahrwasser kennzeichnen. Und man merkt es daran, dass sich auf einmal dicke Pötte von links und rechts nähern. Die haben natürlich Wegerecht. Nicht nur weil es ziemlich ungleiche Gegner wären, sondern weil sie sich im Fahrwasser befinden. Hier ist allerdings bei weitem nicht so viel Verkehr wie auf der Elbe, und alles passt wunderbar mit viel Abstand zueinander.
Überhaupt ist der Untereschied zwischen Seekarte – ob Papier oder digital – und der Wirklichkeit für nautische Laien immer wieder erstaunlich. Ich zeig’s mal HIER IN DIESEM VIDEO, das ich gestern unterwegs gemacht habe (Beschäftigungstherapie).
Gleich nach der Wesermündung kommt die Jade. Endlich kann ich auf Südkurs gehen, die Jade ein Stück flussaufwärts fahren und einen ordentlichen Schiebestrom nutzen. Wieder einmal stehen 8 Knoten auf dem Tacho. Schiffe sind keine zu sehen, und so erlaube ich mir, die Jade in einem ganz spitzen Winkel zu queren, um die grüne, die richtige Seite zu erreichen. Aber die Rechnung habe ich ohne die Jungs und Mädels von Jade Traffic gemacht: Rüm Hart, Rüm Hart für Jade Traffic bitte. Oha, ich ahne was kommt … Jade Traffic, hier ist die Rüm Hart. Und prompt: Rüm Hart, Sie haben gleich Gegenverkehr von 3 großen Verkehrsteilnehmern, bitte gehen Sie auf die richtige Seite. Ich sage, dass das ein gutes Argument sei und dass ich sofort artig und brav das Fahrwasser räumen werde. Das befriedigt meinen Gesprächspartner sehr.
Die allerletzte Seemeile ist ein gewundener Prickenweg auf die Hafeneinfahrt von Horumsiel zu. Der Hafen ist gar nicht mal sooo klein, wie ich erwartet hatte, liegt aber sehr schön mit offenem Blick auf die Jade. Für mich wurde sogar ein Platz freigehalten und der nette Hafenmeister hilft mir beim Festmachen.
Nudelwasser aufsetzen, Bier aufreißen, Schattenplatz im Cockpit. Achteinhalb Stunden waren das. Ich bin platt, es reicht für heute.
*****







Moin Manfred, alter Verkehrsrowdy! Die Fähre von DFDS könnte diejenige gewesen sein, die mich auf der Elbe aus dem Fahrwasser gehupt hat.
Schöne Geschichte, wie immer! Wir folgen Dir sowohl im Blog, als auch – mit einigem Abstand – auf dem Wasser. Nur in die Jade werden wir vermutlich nicht einbiegen.
Weiterhin gute Reise wünschen Andrea & Jörg von der Meta, derzeit auf der Insel Tjärnö bei Karlshamn.