Zur zeitlichen Orientierung: ich bin gedanklich noch in/auf Spiekeroog. Bevor – in nahtloser Ankünpfung an den vorherigen Beitrag – der große Waschtag startet, schnappe ich mir mein Rad und fahre in den Ort. Total niedlich und fast schon ein bisschen verwunschen. Ausschließlich kleine Einfamilienhäuschen in grünen Gärten. Und was mir besonders gut gefällt: eine Insel mit Wald und Schatten. Ja, es gibt einen regelrechten Wald, aber auch im Ort selbst viel schattige Plätze durch hohes Buschwerk und Bäume. Die „Fußgängerzone“ ist viel eher eine Fußgängergasse, natürlich mit einem weiten kulinarischen Angebot. Mir schmecken ein Backfischbrötchen und ein ordentlicher Pott Kaffee besonders gut. Auf meiner Inselliste steht Spiekeroog ab sofort auf Platz 1.
Beim Warten auf zufriedenstellende Joberledigung von Waschmaschine und Trockner habe ich Zeit für weitere Streckenplanungen. Dabei wird mir klar, dass sich für morgen, Dienstag der 30. Juni, eine seltene Kombi aus passender Tide und passendem Wetter für einen großen Sprung nach Norderney auftut. Und zwar außen rum, also über die Nordsee. Passendes Wetter heißt vor allem passende Windrichtung aus Ost in passender Stärke, nämlich so um die 10 bis 14 Knoten (3 bis 4 Beaufort). Sowas nenne ich Seniorenwetter. Mittags ist Hochwasser vor Spiekeroog, das danach beginnt, durch das Gatt als Ebbstrom wieder in die Nordsee zu laufen. Dieses Mal soll es mich mitnehmen und die Fahrt beschleunigen.

Das klappt zumindest schon mal prima. Noch im Hafen von Spiekeroog setze ich das Groß (was von einem Kollegen aus dem Segeln-Forum mit dem Handy festgehalten wird), und draußen, im Ausgang des Gatts, rolle ich nun auch die Genua (das größere meiner beiden Vorsegel) aus. Das Blöde ich nur, dass das Vorsegel bei dieser Windrichtung und dem direkten Kurs auf Norderney exakt im Windschatten des Großsegels steht und ständig flattert, einfällt und schlägt. So geht das nicht, ich ändere den Kurs Richtung offene Nordsee, damit der Wind schräg hinten von Steuerbord und nicht länger exakt achtern kommt. Kreuzen vor dem Wind nennt der Segler das, und der Plan ist, sehr viel weiter draußen zu halsen und dann – wieder mit schräg-achterlichem Wind, diesmal aber von Backbord – auf die Westspitze von Norderney zuzuhalten.
Es wird etwas ungemütlicher als geplant. Der Wind nimmt zu bis auf 18 Knoten und in Böen teilweise deutlich über 20. Das ist Windstärke 5 bis 6 statt 3 bis 4, was aber an sich kein Problem wäre, wenn das Ganze nicht durch eine deutlich höhere Welle begleitet würde. Schwer zu sagen wie hoch, aber ich schätze, dass einzelne mit 1,5 m dabei sind, der signifikante Durchschnitt wohl bei etwas über einem Meter liegen wird. Die See kommt von Osten angerollt, läuft schräg von hinten unter Rüm Hart durch und bringt uns beide ins Schaukeln. Außerdem kommt mir exakt auf meiner Kurslinie etwas Merkwürdiges entgegen. Ich schaue mir das Gefährt im Fernglas und im AIS System an, Ergebnis: ein langsam fahrender, manövrierbehinderter Schleppverband. Nützt alles nix, ich muss ausweichen und werde dadurch etwas zu früh zur oben beschriebenen Halse gezwungen. Klappt auch alles, nur das Westende von Norderney kann ich nicht direkt auf’s Korn nehmen. Egal, ich fahre erstmal weiter und werde schon sehen, wo ich ankomme.
Am späteren Nachmittag lässt der Wind endlich nach, innerhalb von nur 10 Minuten von zunächst 18, dann 16, 15, bis auf 14 und schließlich 12 Knoten. Als ob jemand gemütlich den Windhahn zudreht. Dann habe ich die Küste von Norderney voraus. Allerdings mit ein paar merkwürdigen Schwimmgeräten, die sich dort kaum von der Stelle bewegen. Ich ahne was das ist: die Firma Tennet ist dabei, auch unter Norderney (nicht nur Baltrum) ein Seekabel zum Anschluss der off shore Windparks zu legen. Eines der vier Schiffe kommt auf mich zu, wie ein Wachhund, der sich schützend vor seine Familie stellt, und ich denke, ich zeige mal meine friedlichen Absichten an, nehme die Segel weg, werfe den Diesel an und ändere meinen Kurs auf’s Dovetief, der östlichen Zufahrt zum Gatt zwischen Norderney und Juist. Ich warte ja darauf über Kanal 16 angeprochen zu werden, aber nix, die Funke bleibt still.
Gut, der Rest ist schnell erzählt. Wieder mal Norderney, um kurz nach 6 abends mache ich fest.. Für die nächsten Tage wird Starkwind aus West erwartet, und dafür ist der Hafen hier brauchbar, weil recht gut geschützt. Der echt nette Hafenmeister hatte mir bereits am Telefon Liegeplatz Nr. 21 zugewiesen. Da liegst du mit dem Bug zum Sturm – der denkt echt mit, wunderbar! Der Weg zur Keramikabteilung ist auch kurz, was Stress für die persönlichen Verdauungsstrukturen vermeidet.
Ich betätige mich wieder mal am Dosenöffner und bereite mir ein Fertig-Risotto, angereichert mit angebratenen Champingnons und Minitomaten. Und dann stelle ich fest: ich bin total platt und müde, habe „Rücken“ und mir tun alle Knochen weh. Die Schaukelei ist echt anstrengend, der Körper ist mit Ausgleichen der Bootsbewegungen beschäftigt, und das stundenlang. Das sind solche Momente, in denen ich dann doch mangelnde Fitness zugeben und mir eingestehen muss. Vor 10 Jahren hätte ich diese Anstrengung vermutlich nicht als solche empfunden und viel besser weggesteckt.

Mittwoch ist Ruhetag an Bord. Es wird – so sagen die Wetterfrösche – nicht bei Mittwoch bleiben. Ein bisschen Bewegung tut mir gut. Also packe ich das Bike aus und radele in den Ort. Welch ein Unterschied zu Spiekeroog! Hier ist bedeutend mehr los, alles viel größer (vor allem die Gebäude), lauter, voller. Ein Kultursprung. Kaffee in der Milchbar mit Blick auf die Einfahrt ins Gatt, die ich gestern da draußen bewältigt habe. Ja, ich sag’s absichtlich so. Beim Blick über meinen Kaffeepot hinweg auf die Nordsee kommt tatsächlich ein kleines bisschen Stolz auf. Bei aller Bescheidenheit und Respekt vor den viel höheren Leistungen anderer Segler. Aber ich mit meinem etwas eingeschränkten Potenzial hab das schon ganz gut hinbekommen.
Mehr haue ich aber jetzt nicht raus, sonst kommt der nächste Tritt in die … na, ihr wisst schon … schneller als man denkt und ahnt.










Lieber Manfred!
Ich teile vorbehaltlos Deinen Stolz, mehr noch: Ich danke Dir! Als Mensch mit Fußballambitionen rauschten nicht nur mir die Vorfreude durchsättigten Erwartungen in die fahnenbewehrten Hosen. Jetzt, immerhin und weitaus angemessener!, flattern quickfidele Wimpel an Deinem Maste im Nordseewind. Das kann uns keiner nehmen, solange Du Deinen Mann stehst und Kurs hältst (und uns auf dem Laufenden)!
Sei mir gedrückt!
Dein Bernd