Falle

Es mag ja sein, dass ich im Gebrauch eines Kalenders mittlerweile etwas aus der Übung gekommen bin, aber wir haben doch Juli, oder? Und – nur zur Sicherheit – Norderney liegt immer noch auf der Nordhalbkugel unseres Planeten, und deswegen sollte hier doch eigentlich Sommer sein – liege ich da richtig? Mich bringen nur die aktuellen Temperaturen etwas durcheinander und lassen mich an meinen Navigatorkünsten zweifeln. Jedenfalls waren es heute Morgen, beim Aufstehen, keine 18° im Boot, und ich habe kurz überlegt, ob ich die Heizung anwerfe oder wieder in die warme Koje krabbele. Oder beides. Nix da! Ein richtiger Seemann ist eisenhart und kocht sich als Soforttherapie einen Tee – ohne Rum. Und zack, kaum sind vier Stunden vergangen, bemüht sich das Thermometer über die 19-Grad-Marke. Als Eskalationsstufe 2 der Soforttherapie, wird der eisenharte Skipper gleich noch 2 Heiß(!)würstchen inhalieren und dann bei einem Mittagsschlaf auf die Wirkung warten.

Starkwind bis Dienstag, ab Mittwoch soll es deutlich weniger werden

Ach ja, sollte ich noch erwähnen, dass es regnet? Und stürmt? Obgleich der Wind heute Vormittag tatsächlich deutlich nachgelassen hat. Aber nach dem Mittagsschläfchen, dann, wenn sich das Tidenfenster für eine Weiterfahrt gen Westen öffnet, wird es wieder anfangen zu kacheln. Zu viel für einen alten Skipper – mag er noch so eisenhart sein.

Man muss es mit Humor nehmen, gepaart mit Sarkasmus und einem gerütteltem Maß an Fatalismus, und das gelingt mir ganz gut. Seit Dienstagabend bin ich nun hier im Hafen von und zu Norderney in die meteorologische Falle getappt. Dafür kann Norderney nix, das ist eine reine Wetterangelegenheit. Die, so sagt es windfinder (eine bei Seglern sehr bekannte Wetter-App), noch bis zum kommenden Dienstag, wenn nicht sogar Mittwoch andauern wird. Ok, ich füge mich und mache mir schöne faule Tage. Heute Nachmittag, wenn es, wie von den Wetter-Apps dieser Welt verprochen, aufhöhrt zu regnen, werde ich zum Beispiel zu den Watt Welten radeln, ein Besucherzentrum, das die Bedeutung des Wattenmeeres thematisiert, wie man es von vielen Inseln kennt. Das Besondere: aktuell gibt es dort gerade eine Fotoausstellung: Das Watt in schwarz-weiß. Das interessiert mich natürlich sehr. Und auf dem Rückweg komme ich – mit einem kleinen, aber lohnenden Umweg – am Edeka-Markt vorbei und könnte mir was Leckeres zum Abendessen besorgen.

Sturmsicher vertäut

Das einzige wirklich Blöde an dieser Situation ist, dass ich mir mit Norderney ausgerechnet die teuerste Falle ausgesucht habe, in die ich auf der gesamten Reise hätte treten können. Mit Abstand! Für die Nacht zahle ich hier 33,20 € + 4,90 € Gästebeitrag + 3,00 € Servicegebühr = 41,10 €!!! Für andere Häfen wäre die Hälfte normal, und selbst im Hamburger Cityhafen habe ich nur 25 € bezahlt. Schon deshalb gibt es ein gesteigertes Interesse an einem baldigen Ortswechsel. Was zu der Frage führt: wie geht es überhaupt weiter, was sind meine nächsten Pläne?

Zwischendurch gibt es immer wieder mal blauen Himmel

Zunächst hatte ich ja Juist im Fokus und von dort aus dann nach Borkum. Aber nach viel Planungen, Törnvorbereitungen und Rechnerei steht am Ende die Einsicht: es haut nicht hin. Das Wattenfahrwasser im Endanflug auf Juist ist ziemlich flach und bietet deshalb nur ein sehr kleines Fenster um Hochwasser herum für die An- und Abfahrt mit 1,3 m Tiefgang. Was bedeutet, dass ich zu spät da wieder rauskomme, um noch vor dem selben Hochwasser das Borkumer Wattfahrwasser südlich der Insel zu erreichen. Dort hätte ich zwar auch nach dem Hochwasserzeitpunkt noch ein offenes Befahrbarkeitsfenster. Aber ich fahre solche Prickenwege mit teilweise wenigen Zentimeteren Wasser unter den Kielen lieber vor dem Hochwasser, wenn es also noch aufläuft. Sollte ich mich irgendwo festfahren, habe ich bei noch auflaufendem Wasser die Chance, dass mein Dampfer die entscheidenden Zentimeter angehoben wird und so über den Buckel kommt. Passiert das nach HW, läuft das Wasser also bereits wieder ab, hänge ich womöglich für die nächsten 12 Stunden an Ort und Stelle fest. Will ich nicht.

Der Beginn einer stürmischen Nacht

Also, Juist ist leider von der Liste gestrichen. Ich werde, sobald das Wetter mich lässt, von Norderney aus direkt Borkum ansteuern. Und zwar durch’s Watt, nicht über die Nordsee. Wir haben derzeit eine stabile Westwindlage, von Ostwind ist in den nächsten 10 Tagen nichts zu sehen. Heißt: ich müsste gegenan kreuzen, und das würde mir echt zu anstrengend. Auf Borkum warte ich dann auf das nächste Niedrigwasser, um in der Phase danach mit auflaufendem Flutstrom die Ems Richtung Süden zu befahren (vielleicht kann ich ja nochmal segeln), und zwar bis Delfzijl. Dort beginnt die Staande Mastroute (niederländische Schreibeweise). Eine Kanalstrecke diagonal durch ganz Holland, die von Segelschiffen mit stehendem Mast befahren werden kann, weil es ausschließlich Brücken gibt, die sich öffnen. Zwar gibt es derzeit die eine oder andere Störung in diesem System, aber nach meinen Informationen sind die für mich zu managen. Diese Entscheidung für die Binnenstrecke ist natürlich ebenfalls dem dauerhaften Westwind geschuldet. Ein Kreuzkurs von Borkum fast an der gesamten niederländischen Küste vorbei ist mir zu viel, das schaffe ich nicht. Also werde ich mir Zeit lassen für diese Strecke und sie für mich in kleine Häppchen aufteilen.

Aprospos Häppchen … DIE HEIßWÜRSTCHEN … !!!