AIDAs Rache

Ich bin unterwegs. Immer ostwärts. Auf der Elbe. Von Glückstadt nach Hamburg. Start bei Niedrigwasser, gegen 15 Uhr. Scheißwetter(!), und nicht ich, sondern das Wetter muss sich für diesen Ausdruck entschuldigen. Ein großer, schwerer, dunkler Wolkenteppich begleitet mich. Er beansprucht fast den gesamten Himmel, lässt nur beim Blick achteraus mit einem hellen Streifen auf der Kimm hämisch erahnen, wie die Welt ohne ihn aussehen könnte. Er wird während der gesamten Strecke nach HH standhaft über mir bleiben, mich immer wieder heftig einnässen. Lange her, dass mein Segelanzug seine Tauglichkeit dermaßen unter Beweis stellen musste. Aber: Prüfung bestanden, das Ding ist dicht.

Dieses Gewölke wird mich bis Hamburg begleiten
Eine AIDA holt auf und wird gleich überholen

Wie es sich auf dieser Strecke für kleine Schiffe gehört, bleibe ich fein außerhalb des Tonnenstrichs, lasse also das große Fahrwasser (die einlaufenden Schiffe haben die roten Tonnen links (Backbord) und die grünen rechts (Steuerbord)) den Riesenpötten. Wie zum Beispiel einer AIDA, die sich von achtern nähert. Schon im eigenen Interesse achte ich nun besonders darauf, die grünen Fahrwassertonnen an meiner Backbordseite (links) zu lassen, habe gerade die letzte 200 m hinter mir und peile nun die nächste auf meinen beiden Plottern (iPad plus Lowrance Festeinbau) so an, dass mein Autopilot sie ebenfalls mit Sicherheitsabstand links liegen lässt.

300 m!

Die AIDA hat mich fast erreicht, ist 50 m schräg an Backbord hinter mir und haut mir auf einmal ein sehr lautes, sehr basslastiges Geblase auf und um die Ohren. Meine Gehörgänge sind von nun an und für alle Zeiten von sämtlichen Dingen, die da nicht hingehören, gereinigt. Meine eben noch klatschnassen Haare sind pupstrocken. Die feuern da oben auf der Brücke aus allen akkustischen Rohren auf mich, und ich kleines Menschlein auf einem winzigen Schiff 30 m tiefer frage mich, was mir dieses 300 m lange Ungetüm mir mit seinen maritimen Druckluft-Flatulenzen sagen will.

AIDAprima – wir sehen uns in Hamburg

Keine Minute später ruft mich „Elbe Traffic“ auf Kanal 16. Ich möge doch bitte aus dem Fahrwasser entweichen und einem „großen Fahrzeug“ Platz machen. Ich bin ehrlich entrüstet, widerspreche und erkläre meinem Gesprächsteilnehmer, dass ich so klar wie Kloßbrühe NICHT und auf gar keinen Fall im Fahrwasser bin, dass ich die letzten grünen Tonnen sauber und mit Abstand an Backbord habe liegen gelassen und nun in gleicher Weise die nächste im Visier habe. Und dass ich über zwei voneinander völlig unabhängige Plottersysteme verfüge, die beide dasselbe Bild liefern: ich draußen, der Dicke drinnen.

Wir beenden das Funkgespräch friedlich und freundlich, und ich frage mich, ob der wohl von der AIDA Brücke aufgefordert wurde, mich vom Platz zu scheuchen und sich vor einen fremden Karren hat spannen lassen.

Egal, die AIDA – ich weiß längst, dass es die AIDAprima ist – rauscht an mir vorbei, und ich finde den Abstand keineswegs zu eng.

Segeln! Endlich wieder segeln

Okay, vergessen. Die Fahrt nach Hamburg bleibt nass, sehr nass, aber ansonsten ereignislos. Immerhin erfolgt sie unter Segeln. Das Groß im 1. Reff plus voll ausgerollte Genua plus ein ordentlicher Schiebestrom lassen immer wieder die „8“ auf dem Tacho erscheinen. Auf dem IJsselmeer freue ich mich ja schon über 6 Knoten, aber 8 sind wirklich orgiastisch, auch wenn sie ein bisschen gemogelt zustande kommen.

Blankenese und die erste Hamburg-Flagge die mich begrüßt (auf dem höchsten Gebäude)
Hamburgs Kräne
Schwimmdock 11 von Blohm & Voss. Endlich weiß ich, wo ich bin … 😁

Dann erscheinen die Vorläufer Hamburgs. Zuerst Wedel, dann Blankenese, Airbus, Altona und schließlich das berühmte Schwimmdock 11 von Blohm & Voss. Und dann sehe ich nur noch blaues Geblinke und Geblitze. Jede Menge Polizeiboote tummeln sich vor den Landungsbrücken und flitzen von einer Elbseite zur anderen. Eines kommt mit Karacho auf mich zu, und ich werde nun wirklich des Feldes verwiesen. Die Elbe sei vorübergehend komplett gesperrt, aber da drübern ungefähr vor der Fischhalle sei ein Wartebereich für Kleine wie mich. Ich frage, was denn los sei, und bekomme zur Antwort: AIDA!

Die Polizei stellt sich mir in den Weg

Und dann fällt bei mir endlich der Groschen: hinter dem Polizeigeblinke reihen sich gleich drei AIDA Pötte auf. Die AIDAsol, „meine“ -prima und die -perla. Ich denke an eine Taufe, werde aber später korrigiert. Mit einem Défilé von 3 AIDA Schiffen will man „30 Jahre AIDA“ feiren und die Hamburger erfreuen. Es gibt ein buntes Feuerwerk, eine Balletteinlage der Hamburger Schlepper und jede Menge lautes Getute – das kenn ich ja schon.

In einem kleinen Seitenplatz (mit ganz guter Aussicht) versuche ich bei Wind und Restströmung der immer noch einlaufenden Flut meinen Kahn auf der Stelle und vor allem fern von allen Kollegen zu halten, die ebenfalls nach hier hin verwiesen wurden. In der einen Hand die Pinne, die andere am Gashebel, die dritte am iPhone um wenigstens das eine oder andere Fotos zu machen, die vierte – sorry – im Schritt, denn jetzt kommt das Schlimmste: seit Blankenese muss ich pinkeln. In diesem Gewusel aber schnell mal unter Deck zu verschwinden ist völlig ausgeschlossen. Außerdem habe ich immer noch meinen Segelanzug samt Midlayer und Underware (aktuelle maritime Sprachgewohnheit) an. Das heißt, bis allein die Sucharbeit erledigt wäre, wäre Rüm Hart Kleinholz.

ENDLICH … vor der Elphi links rein und ich bin da

Ein einsichtsvoller Polizist lässt mich hoffen und erhöht die Aussicht auf eine trockene Unnerbüx: geht gleich los. Und tatsächlich setzen sich das große Polizeiboot und sofort danach die AIDAsol, die 50 m von mir entfernt parkt und wartet, in Bewegung. Die Fanfaren und Lautsprecher an Bord geben alles. Viele sehr kleine Boote als Begleitfliegen, Schalupen und Barkassen, teilweise mit 2 m Abstand zu den Riesen. Einmal anfassen und streicheln. Hier geht, was vor vier Stunden draußen auf der Elbe in einem sehr viel größeren und sichereren Maß zur lautstark geäußerten Entrüstung geführt hatte.

Blick aus dem Cockpit

Die drei AIDAs sind noch nicht ganz weg, da lege ich Ruder, und gebe Gas. Raus aus dem Versteck, durch ein paar Nachzügler-Polizeiboote durchgemogelt (die mich lassen), rein in den City Sporthafen, provisorisch festmachen und bei noch laufendem Diesel runter zum Klo …

Uff, geschafft! In jeder Hinsicht.

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