Noch ein spezieller Rückblick auf die Zeit in Hamburg sei mir gestattet. Sonntag – es stürmt wie blöd und regnet immer wieder heftig – setze ich mich in die U-Bahn und fahre zum Berliner Tor. Dort befindet sich nach wie vor meine ehemalige studentische Wirkungsstätte. Damals hieß das Ganze Hochschule für wissenschaftliche Studien (oder so ähnlich), heute HAW, Hochschule für angewandte Wissenschaften. Es ist ein Riesenkomplex geworden mit verschiedenen Standorten rund um das Berliner Tor. Ich spaziere durch die Außenanlagen und versuche mich zu erinnern. Das gelingt nur sehr lückenhaft, viel zu viel hat sich (natürlich) verändert. Einzig das altehrwürdige und vermutlich mittlerweile historische Hauptgebäude ist mir noch völlig präsent. Alle Türen sind verschlossen – klar, es ist Sonntag – ; ich hätte ja gern mal reingelinst.
Vor 50 Jahren habe ich dort angefangen, vor nun 46 Jahren meine Diplomarbeit eingereicht und die Prüfungen absolviert. Damals war der Laden ziemlich überschaubar, und man ging mit dem einen oder anderen Prof auch schon mal zu einem privaten Gespräch in die Mensa einen Kaffee trinken. Einer der engagiertesten war Professor Detlef Buhr, der meine Diplomarbeit betreute und bewertete, und der einer von denen war, die uns Studenten nicht nur eine fachliche, sondern gelegentlich auch eine menschliche Stütze war. Wir hatten danach noch jahrelang Kontakt miteinander, und daher habe ich immer noch seine private Adresse und Telefonnummer. Hab allerdings in den letzten 15 Jahren – vielleicht auch 20 – nichts mehr von ihm gehört. Wie das so ist, man verliert sich aus den Augen. Gedacht habe ich oft an ihn. Und heute – Montag – greife ich zum Telefon, rufe ihn an und erreiche ihn prompt, mittlerweile 90 Jahre alt, aber geistig rege und sehr sprachgewandt. Ich gebe kleine Anschübe, und tatsächlich erinnert er sich an mich. Das Gespräch wird lang, wir tauschen alte Kamellen aus, sehr zur gegenseitigen Freude.
Was bin ich froh, dieses Telefonat geführt zu haben.
Ich bitte um Nachsicht für diesen nostalgischen sidestep, aber im Grunde genommen waren die kompletten 10 Tage – inkl. An- und Abreisetage – in Hamburg nichts anderes. Nun allerdings mit einem Höhepunkt.
Am Dienstag ist nun Schluss mit lustiger Nostalgie. Das Wetter hat sich buchstäblich über Nacht deutlich verbessert. Dem Starkwind ist die Puste ausgegangen, und sogar die Sonne kommt um die Ecke. Ich lege ab, mache ein letztes schnelles Foto von der Elphi im Gegenlicht und finde mich im heftigen Gewusel wieder. Die Hamburg-Fähren (Volksmund: Bügeleisen) kommen mit Speed aus allen Löchern, fahren einem regelrecht über die Füße. Und erzeugen dabei einen Seegang, der Rüm Hart und seinen Skipper, der verzweifelt versucht am Ruder standhaft zu bleiben, heftig durchschaukelt. In der einen Hand die Pinne, mit der anderen halte ich mich an der Großschot fest. Und versuche den Überblick zu behalten.
Das geht bis Airbus so, danach wird’s erheblich ruhiger, der Wusel-Verkehr ist schlagartig weg. Teilweise habe ich die Elbe fast für mich alleine. was wunderschön und ein Genuss ist. Auch das Geschaukel ist weg. Ich kann endlich die Fender einholen und hinter der Reling sichern. Wäre vorher undenkbar und lebensgefährlich gewesen.
Nach 13 Seemeilen lande ich in Wedel. Eine Riesenmarina, man sagt Deutschlands größte, mit über 2000 Liegeplätzen. Angesichts dieses Superlativs hatte ich das tobende Leben erwartet, Restaurants, Kneipen, Shops und Halligalli. Aber nix, hier ist es ruhig und leise wie im Sanatorium um Mitternacht. Nur wenige Menschen sind zu sehen, aber bei weitem nicht alle Liegeplätze sind belegt. Die Gebäude und Steganlagen machen nun auch nicht gerade einen supermodernen Eindruck. Hier ist vieles in die Jahre gekommen und sanierungsbedürftig.
Was mir besonders auffällt: viele der freien Liegeplätze sind mit einem roten Schild versehen (die Rückseite ist grün), was bedeutet, dass ein Gastlieger diesen Platz bitte nicht benutzt, weil der eigentliche Inhaber heute noch zurückkommt und natürlich auf seinem Platz einparken möchte. Es ist jetzt 22 Uhr, und bislang habe ich bei den Plätzen, die ich in Sichtweite habe, noch nicht beobachten können, dass dort Boote anlegen. Normalerweise dreht man sein Schild auf grün, wenn man ablegt und bittet den Hafenmeister rechtzeitig vor der Rückkehr es wieder auf rot zu drehen. Aber wie soll ein armer Hafenchef auf diese Art 2000 Liegeplätze bedienen? Völlig ausgeschlossen. Da scheint mir eine Schwäche im System zu stecken.
Aber – sehr positiv – es gibt hier eine Bootstankstelle, die sogar HVO100 anbietet, den synthetischen Diesel, mit dem mein Motor erheblich ruhiger und leiser läuft und eine deutlich reduzierte Schadstoffemission hat. Übrigens hätte ich auch in Hamburg tanken können. Dort gibt es ein Bunkerschiff, an dem man zu diesem Zweck anlegen kann. Aber erstens haben die nur normalen Schiffsdiesel, und zweitens steht dort ein Schwell, der sich gewaschen hat. Nein danke, dann lieber ein Zwischenstop hier in Wedel.
Ich nehme die Hamburgflagge von der Steuerbordsaling weg. Gleich hinter Wedel ist Hamburg zuende. Aber einfach so wegpacken? Nein, das Ding kommt unter meinen Einhandsegler-Wimpel ans Achterstag. Immer wenn ich darauf angesprochen und gefragt werde was das soll, kann ich meine Geschichte erzählen und ein bisschen auf die Sahne schlagen … 😁
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Manfred, Chapeau für deine Stories, das liest sich wie ein Roman, echt toll.
Ich wünsche dir weiterhin tolle Erlebnisse, an denen du uns ja teilnehmen lässt, und immer ne Handbreit … auf der Rückreise.
der Manni und die Moni von der Vision
Schöne Erinnerungen und ein gelungenes Highlight, das Telefonat mit dem Prof.
Bei uns in Hannover wurden Diplomarbeiten von den wissenschaftlichen Assistenten betreut (Anfang der 70er), der persönliche Kontakt zu den Prof war bei den vielen Studenten gar nicht denkbar. Insofern ist Deine Geschichte schon was besonderes.
Weiterhin gute Fahrt …