Stunde Null

Wir schreiben das Jahr 2011. Genauer: den 7. März 2011. Eine neue Zeitrechnung bricht an, wir sind Geburtszeugen einer neuen Epoche!

Ok … und jetzt zurück auf den Teppich. Bei weniger Endorphin beeinflusster Betrachtung kann man es auch schlichter ausdrücken: Rüm Hart ist seit heute im Bau! (das Ausrufezeichen sei erlaubt) Am Sonntag sind wir nach „Schläfrig-Holzbein“ gefahren, haben einen wunderbaren sonnigen Nachmittag in Neustadt an der Ostsee verbracht, zum ersten Mal in diesem Jahr draußen auf der Café-Terrasse Milchkaffee und Kuchen genossen und uns schon mal die überraschend große Ancora-Marina angeschaut, wo unser Schiff Ende Juli seinem Bestimmungselement übergeben werden soll. Heute, am Montag – eben der 7. März – haben wir die Sirius-Werft besucht und durften unser Schiff sehen. Na ja, sooo viel gab es noch nicht zu sehen. Genau genommen brauchte es sogar viel Vorstellungsvermögen, um das Objekt unserer gierigen Betrachtung irgendeinem Schiff, geschweige denn unserer Rüm Hart zuzuordnen. Aber immerhin kann man jetzt mit Fug und Recht behaupten: Das Werk ist begonnen.

P1050094Begonnen wurde mit dem Deck. Das muss man sich wie einen 9,30 Meter langen und 3,38 Meter breiten Deckel vorstellen, mit dem später der (derzeit noch nicht existente) Rumpf verschlossen wird. Der Deckel ist zunächst flüssig. Zähflüssig, um genau zu sein, sehr weiß und sehr klebrig. Dieses zähflüssige, weiße, klebrige Zeug wird fingerdick in eine Wanne gestrichen, die die Negativform des Decks hat. Stop! Genau an dieser Stelle steht der zukünftige Eigner mit dem Werftbesitzer ergriffen daneben, setzt gedanklich Negativformen in Positivfantasien um und ist der Welt entrückt. Aber nur für einen Augenblick, denn gleich bekommt er erklärt wie’s weitergeht: Das zähflüssige, weiße, klebrige Etwas ist nur die spätere Außenhaut, das Gelcoat. Weil die Negativform ganz besonders glatt und von makelloser Beschaffenheit ist, wird sich das Deck später von ebensolcher Qualität zeigen. Wenn das Zeug trocken ist. Jetzt aber geht es erst weiter mit zusätzlichen Lagen, die nass in nass aufgebracht werden. Nämlich Glasfasermatten und Harz … Glasfasermatten und Harz … Glasfasermatten und Harz … und so weiter und so weiter. Bis ein zentimeterdickes Konstrukt entstanden ist, das nun – durchgehärtet – seiner Form entnommen und umgedreht wird und jetzt endlich glasklar als Rüm Harts Deck zu erkennen ist.

An dieser Stelle ist ein tiefes Durchatmen angebracht. Eine innere Sammlung, um den weiteren Herausforderungen des 7. März gewachsen zu sein. Das Gespräch mit Torsten Schmidt, Inhaber der Sirius-Werft, war wieder einmal … teuer. Noch einmal – und hoffentlich zum letzten Mal – sind wir den kompletten, detailierten Ausstattungsumfang unseres Bootes durchgegangen, haben aus Sparsamkeit gestrichen, aus Vernunft geändert, aus Gier ergänzt, haben uns tapfer gewehrt, seufzend hingegeben und verständnislos kapituliert, als sich zum Beispiel dringend notwendige Schubladen im Salon als aufpreispflichtig herausstellten, die wir bislang und nicht ohne Grund als zur Grundausstattung gehörig wähnten. Die emotionale und hormonelle Achterbahn, die ‚Sirius-Mehrfach-Looping-Todesspirale‘, mit dem Werftchef als Pilot, Schaffner und Conducteur in einer Person, ist sicher noch mal einer gesonderten und abschließenden Betrachtung wert.

P1050091Ein weiterer Höhepunkt des 7. März war aber auch eine fertige Sirius 310 DS, die uns verlockend wie die Loreley die Rheinschiffer (die sich garantiert über das ‚h‘ in ihrer Berufsbezeichnung freuen), die uns also verführerisch vor der Werft-Haustür erwartete. Fast hätte es unsere sein können, mit Pinne, 4 Kojen und in Weiß. Fast! Der Kiel war falsch. Was sich allein schon aus der Singularität ergibt, denn Rüm Hart bekommt bekanntlich zwei Kiele.

Aber sonst …

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… kann man ja schon mal mit Pinne und Pinnenausleger probesteuern …

Bootsausrüster ALDI

Besteck0001Hätt ja nicht gedacht, dass wir mal Schiffsausrüstung bei Aldi kaufen! Für keine 40 Euronen eine Besteck-Komplettausstattung für 6 Esser. Sogar mit Tortenschüppe! Ob wir je Torte essen werden an Bord? Aber das Ding lässt sich bestimmt auch für Pizza-Achtel verwenden.

Unter der Rubrik ’nicht-nautische Basisausstattung‘ fehlen dann noch Flaschenöffner und Korkenzieher. Und alles, was sich mit ‚Pött un Pann‘ zusammenfassen lässt. Aldi bleibt also in den nächsten Wochen unter Beobachtung.

Damit ist aber nur ein Bruchteil der Einkaufsliste abgearbeitet. Genau genommen ist es sogar so, dass sie immer länger wird, weil unten viel schneller neue Geistesblitze hinzukommen, als sich weiter oben durch Einkäufe erledigen. Das wird sich bis zum Sommer hoffentlich noch ändern.

Unser Häuschen entwickelt sich ao allmählich zum Rüm Hart Basislager.

Gummischnulli

Sirius 38 Davits 3Der Trend geht zum Zweitboot. Ganz klar. Ohne Reserveschiff geht es nicht. Unseres wird am Haken seines Mutterschiffes hängen. So etwa – siehe Foto oben. Wofür braucht man ein Beiboot? Typischerweise beim Ankern zum Beispiel. Ein paar Stunden oder auch eine ganze Nacht, vielleicht sogar ein/zwei Tage in einer einsamen, wildromantischen Bucht vor Anker zu verbringen, ist eine wunderbare Sache, da wird der alte Skipper wieder jung. Nur – hin und wieder möchte die Crew auch mal an Land. Schwimmen ist schlecht, da wird man nass bei. Also wurde das Beiboot erfunden. Früher war das aus Holz und wurde hinter den Schiffen hergezogen. Seit es dieses neudeutsche Wort gibt, stört das aber die ‚Performance‘ einer Segelyacht sehr, und so sann die stets pfiffige maritime Industrie auf Abhilfe. Das Beiboot sollte unter Deck NSA 230verschwinden, nur ließ sich so ein Holzkahn schlecht falten. Und hier kam die Gummiindustrie ins Spiel. Die hatte nämlich gerade ein anderes neudeutsches Wort gelernt: ‚Diversifikation‘. Zur Verbesserung ihrer Performance wandten die sich also den Wassersportlern zu und verkauften das nicht immer knallrote Gummiboot als aufblasbaren Tender für den wildromantischen Yachtie. Das wollte sich nun wieder die maritime Industrie nicht gefallen lassen und erfand flugs die Davits. Das ist so ’ne Art Bordkran für Beiboote – gut zu sehen am Heck der ankernden Sirius 32 DS auf dem Foto unten. Mit deren Hilfe lassen sich selbige hängend mitführen und per Seilzug ablassen. IMG_5466So war das. Historisch verbürgt. Da aber nicht wir es sein wollten, die diesen herzzerreißenden Wettkampf der Anbieter entscheiden, bekommt ‚Rüm Hart‘ Davits, an denen ein Gummiboot hängt. Das Leben muss gerecht bleiben.

TQ_Travel_503_nummerierung_01Unser Zweitboot wird mit einem Elektroaußenborder angetrieben, sehr modern und umweltgerecht. Leise, keine Plörerei mit Spritkanistern, noch nicht einmal Öl als Schmiermittel. Gummischnullis E-Motor hat einen eingebauten Akku, hängt bei Nichtgebrauch in seiner Halterung im Mutterschiff und wird unterwegs wieder aufgeladen.

Sonst müsste der Segler ja rudern!

Zwischenruf 2

Gestern wurde ich zu unserer mutigen Entscheidung beglückwünscht, ein Boot in Auftrag zu geben. Mutig? … na ja.

Um ehrlich zu sein, unsere ‚Rüm Hart‘ ist ein gutes Beispiel für Projekte und Lebensphasen, die sich rückblickend, also in der Erinnerung, vor allem durch eines auszeichnen: Zweifel. Damit meine ich nicht Fragen wie Bugstrahlruder ja oder nein? Grau oder Weiß? Pinnen- oder Radsteuerung? Das sind noch die harmloseren Überlegungen, Abwägungen und zu entscheidende Details, bei denen es zunächst darum geht, sich sachlich und nüchtern über die Vor- und Nachteile im Klaren zu werden und sich so eine Faktenlage zu schaffen.

Andere Qualitäten – und damit schon eher den Status ‚Zweifel‘ – bekommen grundsätzliche Fragen wie: Ist es richtig so viel Geld für ein Boot auszugeben? Ist es richtig das jetzt zu tun? Haben wir den richtigen Partner / die richtige Werft? Was halsen wir uns mit einem eigenen Boot auf, das sich am Ende des Charterurlaubs nicht einfach zurückgeben läßt? Oder auch: was mute ich Sigrid damit zu, kann ich das verantworten?

Alle diese Fragen entscheiden wir, ohne ihre Antworten zu kennen. Ja, ohne die geringste Chance zu haben, die Antworten vorab wirklich zu wissen. Trotz nagendem Zweifel eine Entscheidung zu treffen, dazu gehört eine bestimmte Haltung und Lebenseinstellung. Eine Mélange aus Fatalismus, Optimismus, Naivität, Mut, Realismus, Neugierde, Zielstrebigkeit, Egoismus, … Kennt jemand noch mehr Zutaten?

Immer wieder begegnen mir Menschen, die straight und ohne zu zucken ihre Entscheidungen durchziehen und dabei scheinbar nicht von geringsten Zweifeln geplagt werden. Beneidenswert. Und bemerkenswert. Weil die Exemplare, die ich dabei vor Augen habe, durchaus zu den geschäftlich Erfolgreichen gehören. Allerdings – und auch das fällt mir auf – nicht immer zu den privat Erfolgreichen. Ob das empirisch belastbar ist? Keine Ahnung, aber nicht jeder Mensch scheint sich zum Zweifeln zu eignen. Oder ist es nur so, dass Zweifel zwar höchst menschlich, aber nicht gesellschaftsfähig sind und also besser im Oberstübchen bleiben? Haben die keine, oder gehen die nur anders damit um? Ist es mannhafte Entschlussfreudigkeit, oder Angst am Zweifel zu verzweifeln?

Ist mir eigentlich auch egal. Für mich gilt eher, dass Zweifel und Entscheidungsmut sich gegenseitig kontrollieren und im Zaum halten – auf dass aus Mut nicht Übermut werde. Okay, manchmal sind sie schon eine Belastung. Aber sie sind nun mal vorhanden und scheinen mir eine gute Voraussetzung für soziale Kompetenz, Befähigung zur (Selbst-)Reflexion und gesunde Kritikfähigkeit zu sein. Oder umgekehrt?

Auf jeden Fall: Zweifel machen glücklich – wenn’s am Ende gut geht.


Nachtrag vom 13. April 2011:


Da sind die Unbedenklichen, die niemals zweifeln.
Ihre Verdauung ist glänzend, ihr Urteil ist unfehlbar.
Sie glauben nicht den Fakten, sie glauben nur sich, Im Notfall
müssen die Fakten d’ran glauben.
Ihre Geduld mit sich selber
ist unbegrenzt, auf Argumente
hören sie mit dem Ohr des Spitzels.

aus ‚Lob des Zweifels‘ von Bertolt Brecht – entdeckt bei Freunden

Neuzeit

Und damit sind wir im Jetzt und Hier angekommen. Mit den ersten Einträgen kurz nach Weihnachten 2010 bis zum letzten habe ich in 13 Kapiteln nacherzählt, wie es zur Entscheidung für unser Schiff gekommen ist, welche Bauchschmerzen und Hirnverschlingungen damit verbunden waren und wie unsere ‚Rüm Hart‘ aussehen wird. Ehrlich gesagt war es ein einziges Einbremsen meinerseits, denn es hätten durchaus auch 23 statt 13 Einträge sein können. Wenn ich nämlich meiner Detailversessenheit nachgegeben hätte.

Wie geht’s weiter? Nun, Anfang März werden Sigrid und ich ein zweites Mal nach Plön fahren, um viele dumme Fragen zu stellen und den Sirius-Leuten Gelegeneit zu geben, an unser Geld zu kommen. Kurz danach wird unser Schiff auf Kiel gelegt. Leider ist das heute kein besonders erhebender Akt mehr. Sagen wir es mal so: der erste Eimer GFK wird in die Form gegossen und nach vielen weiteren Eimern wird später daraus der durchgehärtete Rumpf entnommen. Wenig prätentiös, einfach nur so. Genauso passiert es mit dem Deck, und wenn beide zusammengefügt worden sind (Hochzeit … schon klar …) geht’s an den Innenausbau. Die Fertigstellung ist für Ende Juli 2011 geplant, und direkt danach wird es in Neustadt an der Ostsee erstmalig seinem wässrigem Element übergeben. Danach Transport nach Holland und Taufe. Über all das werde ich berichten und Euch auf dem Laufenden halten. Versprochen!

Bis dahin aber werden noch viele weitere Besuche in Plön notwendig sein. Hat jemand Tipps für ein preiswertes Hotel?

Ronny Richter ist ein netter Mensch, …

… trotzdem mussten wir ihn enttäuschen. Wir haben ihn gestern besucht. Auf der ‚boot‘, Europas größter Bootsausstellung in Düsseldorf. Ronny Richter verkauft seit kurzem die englischen Southerly-Yachten in Neustadt an der Ostsee und wir haben ihn auf dem Stand von Southerly getroffen und uns vorgestellt. Schließlich hatten wir im letzten Jahr ein paar Mal E-Mail Kontakt, als die Southerly 32 noch im Spiel war. Seit gestern weiß er, dass wir uns für Sirius entschieden haben. Er trug’s mit Fassung und Fairness. Für uns aber war das nochmalige Durchkrabbeln der 32 eine Bestätigung, mit der Sirius 310 DS die richtige Wahl getroffen zu haben.

Natürlich waren wir auch bei Sirius. Was nicht ganz einfach war, denn die beiden dort ausgestellten Schiffe – eine 310 und eine 35 – waren ziemlich überlaufen. Das Publikumsintresse war so groß wie Torsten Schmidt und Ulrike Firk gut gelaunt waren. Die 310 war besonders interessant, da sie bezüglich der Inneneinrichtung als 4-Kojenversion unserem Boot entspricht und wir die Chance hatten, uns unsere Rüm Hart life vorzustellen. Das hat zu der (teuren) Erkenntnis geführt, dass wir mit der 4-Kojen-Standarversion nicht klarkommen, sondern auf die Komfortversion umschwenken müssen. Was in der Bugkabine ein bisschen mehr Bewegungsraum ergibt. Kostet natürlich – muss ich’s wirklich erwähnen? – Aufpreis.P1010711
Ein weiteres Exemplar der Gattung ’netter Mensch‘ ist Hilmar Knops. Auch den haben wir gestern auf der boot kennen gelernt, nachdem ich zuvor mit ihm Telefon- und E-Mailkontakt hatte. Hilmar Knops ist in der Wassersportszene bekannt mit seinen Manövertrainigs, die er Yachties anbietet, um nach alter Väter Sitte und in klassischer Weise Hafen-, Schleusen- und überhaupt An- und Ablegemanöver zu lernen und unter seiner Anleitung zu trainieren. Dabei geht es darum, das eigene Schiff, aber auch die natürliche Umgebung in der sich das Böötchen normalerweise bewegt, nämlich Wasser, Strömung, Wind und Zuschauer zu beherrschen und für die Zwecke des vorgesehenen Manövers zu nutzen. Und zwar ohne das Schiff zu einem automatisierten high-tec-Gerät auszurüsten. Wer mag, kann mal hier reinschauen: www.manoevertraining.de.

Der überdurchschnittlich intelligente Leser und regelmäßige Besucher dieser Seiten merkt schon, dass damit das Thema ‚Bugstrahlruder‘ vom Tisch ist. Und jetzt wird auch klar, warum uns Torsten Schmidt in weiser Voraussicht die Komfort-Version präsentiert hatte. Der gute Verkaufsstratege bietet „befreitem“ Kundenkapital rechtzeitig genügend alternative Betätigungsfelder.

Farblos

Von Beginn an hing unser Herz eigentlich an einem eher dunklen Grauton für den Rumpf unseres neuen Bootes. Sicher waren wir dabei beeinflusst von zwei Ansichtszeichnungen der 310, die die Sirius-Werft sehr früh, als die erste noch gar nicht produziert war, veröffentlicht hatte. Nämlich diese hier.

102100Die rechte, graue Darstellung sieht doch eindeutig eleganter, weniger langweilig, einfach besser aus, oder? Aber welches Grau genau? RAL 7011? 7040? 7042? 7043? … Ich könnte die familiär diskutierte Nummernreihenfolge aus den RAL-Musterkarten endlos fortsetzen – ohne Ergebnis. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass ich zwar sehr viel Kreatives, aber wenig Zielführendes zu dieser Diskussion beigetragen habe. Im Gegenteil, bei den restlichen Mitglieder meiner kleinen Truppe lösten meine Einwürfe immer Entsetzen und Kopfschütteln aus. Schließlich wurde ich sogar von der Abstimmung ausgeschlossen. Ohne meine Beteiligung – es kann keine anderen Ursachen haben – drehte sich die Farbwahl allerdings in einer Endlosschleife.

Die Lösung schließlich wurde kräftig beschleunigt durch zwei Ereignisse: Weihnachten und ein Telefonat. Zu Weihnachten kam von der Sirius-Werft Post. Torsten Schmidt schickte zwei Kalender (natürlich) mit Segelszenen seiner Produkte. Der größere der beiden Kalender hängt seitdem im Flur direkt vor der Schlafzimmertür, so dass ich jeden Morgen beim Gang zum Rasieren unweigerlich, höchst willkommen und zumindest auf dem Januarblatt eine weiße (!) Sirius 310 DS in Aktion sehe. Beim Telefonat spielte Torsten Schmidt ebenfalls die Hauptrolle. denn er war mein Gesprächspartner. Und er machte mir klar, was ich aus eigener beruflicher Praxis längst wusste: Der Nachteil jeder anderen Farbe als Weiß ist, dass sie sich schneller verändert und ausbleicht, dass eine etwaige Reparatur etwas schwieriger ist und der Reparateur schon mal mit dem gewählten Farbton daneben greift. Und dafür sollten wir auch noch einen saftigen Aufpreis zahlen?! Nur für die Optik?!

Und das weiße Schiff auf dem Kalender sah doch wirklich nicht schlecht aus! Sogar elegant! Schnittig! Viiiiiel besser! Auf einmal ging alles ganz schnell. Der Zeitpunkt war allerdings auch günstig, denn der glühendste Verfechter der grauen Lösung, Sohn Ole, war kurz nach Weihnachten wieder abgereist.

Also, die Entscheidung steht: Unsere Rüm Hart wird eine weiße Rüm Hart!
0591-Sirius 310DS

Watt is’n en Bugstrahlruder? …

… Da stelle wa uns ma janz domm …

Kommt einem bekannt vor, nicht wahr? Völlig unbekannt dagegen könnte dem der christlichen Seefahrt nicht ganz so enthusiastisch verbundene Leser der Begriff ‚Bugstrahlruder‘ vorkommen. Ok, Bug ist vorne Zadm_drydockund Ruder hat was mit Steuern zu tun. Aber Strahl? Wasserstrahl???

Volltreffer! Es geht tatsächlich ums Steuern, denn mit Hilfe eines im Bugstrahlruder erzeugten Wasserstrahls kann der Bug des Schiffes nach links oder rechts versetzt werden. Das kann sehr hilfreich sein beim Anlegen, vor allem beim Anlegen mit Seitenwind, der das Schiff ausgerechnet dahin drückt, wohin der Skipper nun partout nicht will. So manches Hafenmanöver ist – natürlich coram publico – wegen widriger Windverhältnisse oder handwerklicher Mängel des Ausführenden (oder beidem) in die Hose gegangen. Regelmäßig kommt es dabei in Sportboothäfen zu herrlichen, unterhaltsamen Einlagen der ein- oder auslaufenden Crews auf ihren schwimmenden Behausungen. Um sich diese geschmeidigen Vorführungen der nachfolgenden nicht entgehen zu lassen, zieht es so manche Besatzung eines Segelschiffes bereits ab drei UhrSmall_MY_Bow_Thruster_Detail nachmittags in den nächstgelegenen Hafen. Erstens kann man sein eigenes Anlegemanöver noch ziemlich diskret zelebrieren. Und zweitens sitzt man hinterher mit ’nem Anlegebier in der Hand im Cockpit und schaut den anderen genüsslich bei ihren Chaosmanövern zu. ‚Hafenkino‘ ist der dafür gängige Begriff unter Seglern. Und Hafenkino gewinnt besonders dann an Unterhaltungswert, wenn mißlungene Leinenmanövern prompt von schlagartigen Störungen der Bordatmosphäre begleitet werden. Was sich widerum zuverlässig in Veränderung der sprachlichen Gewohnheiten, in Wortwahl und Lautstärke ausdrückt. Warum Friedensforscher immer nur die Weltpolitik im Auge haben, ist mir ein Rätsel. Sie bräuchten sich nur mal ein Wochenende während der Hauptsaison in Enkhuizen auf den Steg oder in Lemmer auf die Schleusenmauer zu setzen.

Das wissen natürlich alle Segler und laufen dabei ein bisschen rot an, weil sie alle schon mal … nun ja … Auf jeden Fall sinnt man auf Abhilfe. Und die kann natürlich nur, dem Zeitgeist entsprechend, durch technische Aufrüstung des bescheidenen Schiffchens gewährleistet werden. Also muss ein Bugstrahlruder her. Knöpfchendruck – und zack liegt der Dampfer genau dort an der Pier, wo der Skipper ihn hin haben wollte. Genial! Aber es geht noch besser: die neueste Entwicklung schreibt dem modernen Schiffseigner sogar ein zusätzliches HECKstrahlruder vor. In den aktuellen Werbefilmszenarien der Hersteller steht der Sportboot-Kapitän (mit technischer Aufrüstung geht auch immer eine begriffliche Aufwertung des wichtigen Amtes einher …), steht also der Sportboot-Kapitän mit der Fernbedienung (!) an der Steuerbordseite seines Dampfers und legt ihn Millimetergenau an seinen Platz. An dieser Stelle hat die Zubehörindustrie allerdings noch nicht zu Ende gedacht, denn es fehlen dringend noch automatisch ausfahrbare Greifarme, die die Festmacherleinen in einem finalen Akt über die Poller legen. Für diese Idee sollte mir ein angemessenes Honorar zustehen.

Acergy_Discovery_in_drydock_6Wie aber funktioniert so ein Bugstrahlruder? Eigentlich ist es nichts anderes als ein Loch quer durch den Rumpf und zwar im Bug und – sehr wichtig – im Unterwasserbereich des Rumpfes. In diesen Tunnel ist ein Propeller eingebaut, der sowohl linksrum als auch rechtsrum laufen kann. Dadurch wird ein Wasserstrahl erzeugt, der quer durch den Bug des Schiffes den Rumpf mal nach links mal nach rechts drückt. Jeder große Containerfrachter ist mit mindestens zwei dieser Bugquirle ausgestattet, oft sogar drei. Die übrigens über der Wasserlinie mit einem durchkreuztem Kreis auf dem Rumpf gekennzeichnet sind. Daher weiß der Betrachter wie viele Bugschrauben der Frachter hat und wo die genau sitzen, denn bei der heutigen Qualität der Hafengewässer sieht man die ja nicht.

SDC17599freiDie eingefügten Fotos zeigen mal ein paar Beispiele aus der Berufsschifffahrt und im Vergleich dazu das geradezu niedliche Bugstrahlruderchen einer Sirius 310 DS. Kostet trotzdem über 5 Mille Aufpreis! Sollen wir uns das wirklich antun? Für ein keine zehn Meter langes Schiffchen?

Endgültig …

… stand also nun fest, dass wir im Sommer 2011 ein Schiff unser Eigen nennen würden. Die Gespräche mit Torsten Schmidt in Plön dauerten einen ganzen Tag und waren anstrengend. Ich weiß im Nachhinein auch nicht mehr, ob sie anstrengend waren, weil eine Segelyacht zu konfigurieren ein komplexes Thema ist, oder ob es ein schwerer Tag war, weil eine teure Entscheidung nach der anderen zu treffen war und von den mathematischen Grundtalenten nur die des Kaufmanns würdigste – die Addition – gefordert war. Rechnerisch ging es immer in die gleiche Richtung: aufwärts. Bei jeder denkbaren Ausstattungsoption die Ja- oder Nein-Entscheidung zu treffen war ja noch das Eine. Das Andere war Prioritäten zu setzen. Da wir uns nun mal ein zwar realistisches, aber auch konkretes Maximalziel gesetzt hatten, musste halt definiert werden, was einem super wichtig, sehr wichtig oder nur ganz wichtig war. Das geht ja alles noch, wenn man allein und allein für sich entscheiden kann. Wenn aber die bessere Hälfte und ein mitsegelndes Teilergebnis unser beider Hälften – sprich Junior – mit merkwürdigerweise abweichenden Prioritäten an der Entscheidungsfindung beteiligt sind, wird’s ungleich schwieriger. Keinesfalls darf beim Verkäufer der Eindruck familiärer Uneinigkeit enstehen. Ein schwerwiegender strategischer Nachteil! Nein, Quatsch, wir haben’s hinbekommen. Dank ruhiger, informativer und sachlicher Gesprächsführung von Torsten Schmidt, guter Vorbereitung unsererseits und strikter Haushaltsdisziplin, gab es zum Schluss nur wenige Punkte, die im Laufe der nächsten Wochen noch zu klären sein werden.

Zwei davon, die Rumpffarbe und die Frage, ob unsere ‚Rüm Hart‘ ein Bugstrahlruder (jaja, schon gut, Erklärung folgt) bekommt, sollten uns in den nächsten Wochen noch erheblich beschäftigen. Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. War auch besser so.

Showdown in Southampton

Unsere Einschätzung, dass der gute Torsten Schmidt für ernsthafte Preisverhandlungen viel zu gut gelaunt war, erwies sich als sehr zutreffend. Immerhin würde es uns vergönnt sein, noch für das nächste Jahr (2011) einen Produktionstermin zu bekommen, wenn wir uns bald entscheiden würden. Na klar, diese Art der Verkaufsförderung kam mir doch aus eigener Anwendung sehr bekannt vor, aber was sollte ich machen!? Ich saß diesmal eindeutig auf der falschen Seite des Verhandlungstisches und emotional in der Falle. Angebotsverknappung funktioniert immer – auch bei mir.

Um’s an dieser Stelle nicht zu ausführlich zu machen: Heimflug, Bericht an Sigrid (die beste aller … ), telefonische Nachverhandlungen mit Torsten Schmidt bezüglich einiger Passagen im Kaufvertrag und dann die Entscheidung zu unterschreiben. Die Knappheit dieser Schilderung verschweigt gnädig alle Zeugungswehen, die emotionalen Magenkrämpfe und die Penetranz, mit der ich meiner Familie mit diesem Thema auf den Keks gegangen bin.

Und wer jetzt denkt, mit der Unterzeichnung des Kaufvertrages am 17. September 2010 durch Sigrid und mich wäre endlich Ruhe eingekehrt, der kennt weder die Sirius Werft, noch mich und erst recht nicht die umfangreiche Zubehör- und Ausstattungsliste dieser Schiffe. Durch den Kaufvertrag hatten wir uns ein Produktionsfenster im 2. Quartal 2010 gesichert und ein Basisschiff erworben. Der Rest sollte bei einem Besuch der Sirius-Werft in Plön Mitte Oktober erfolgen. Natürlich waren wir uns über die uns wichtigsten Details unseres neuen Schiffes im Klaren, hatten eine Vorstellung, was da finanziell auf uns zu kommt und waren sicher, die gesteckte Obergrenze einhalten zu können. Dennoch blieb noch genügend Raum für abendelange Diskussionen und Taschenrechnerakrobatik.

Der Besuch in Plön war eine Bestätigung. Die Führung von Torsten Schmidt durch seine Werft war eindrucksvoll und brachte das erhoffte Ergebnis: handwerkliche Qualität wohin man schaut, freundliche Menschen, die ruhig ihren Job tun, mehr Tischlerei als Werft. Was mich am meisten beeindruckte, war die Tatsache, dass wir keine sterilen, klinisch aufgeräumten Produktionshallen vorfanden, sondern einen Handwerksbetrieb alter Prägung, dem man ansieht, dass dort typisches Bootsbaumaterial – vor allem Holz – verarbeitet und geformt wird. Weiß Gott kein Chaos, aber eben auch keine antiseptischen Zustände wie in einem Formel-1-Rennstall. Sehr beruhigend.

Nach diesem Besuch hatte unser Schiff folgende Formen angenommen:

Spätestens nach dieser Anhäufung von Fachterminologie ist meine seglerische Kompetenz ein für alle Mal bewiesen und der Laie versteht bewundernd nur noch ‚Bahnhof‘ . Das soll sich ändern. Deshalb funktioniert jeder der unterstrichenen Begriffe aus der obigen Aufzählung als Link zu einer Meta-Seite, auf der dem interessierten Leser ein wenig Erhellung angeboten wird. Die Betonung liegt dabei auf der Vermittlung von knappem Basiswissen für den nautischen Laien, der erfahrene Segler darf wissend vor sich hin schmunzeln.

Na denn …

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